Avengers: Infinity War (2018)

Das Marvel Cinematic Universe als großes Franchise-Faszinosum unserer Zeit: Lockten mich das zweite Abenteuer der Guardians of the Galaxy und der erste Auftritt des neu-neuen Spider-Mans schon gar nicht mehr ins Kino, ergriff mich heute in der S-Bahn auf dem Weg zum Kino plötzlich doch eine seltsame Vorfreude. Dem vermeintlichen Finale dieser ersten (leider nicht letzten) Welle an Superheldenfilmen beizuwohnen, wider Willen lieb gewonnenen Charakteren womöglich beim Sterben zuzusehen, eine Superheldengeschichte erzählt zu bekommen, die nichts beginnt sondern beschließt – das schien plötzlich reizvoll, nicht zuletzt weil unter dem Dirigat der Gebrüder Russo wieder ebenjener sense of wonder Einzug in das Franchise hält, der bis dahin Joss Whedons erstem Avengers-Film vorbehalten war: Die Figuren so vieler unterschiedlicher Solo-Filme zusammenkommen zu sehen; das muss doch zumindest irgendwie aufregend sein.

Die düstere Eröffnungsszene verspricht sogleich einiges: Mit Thanos als Gegenspieler erlangt das Marvel Cinematic Universe wieder etwas von dem Gewicht zurück, das zwischen all den Widersachern und Weltuntergängen der letzten Jahre verloren gegangen war. Auch Avengers: Infinity War geizt nicht mit Humor, im Gegensatz zu der Offensive, die etwa zuletzt Taika Waititi in Thor: Ragnarok auffuhr, wirkt er aber bedachter im Einsatz, vor allem wenn es darum geht, ernsthafte Momente auch einfach mal ernsthaft sein zu lassen. Dass Ernst und Komik immer noch zeitweise miteinander kollidieren (sich einander sogar gegenseitig im Weg stehen), ist zu diesem Zeitpunkt im MCU scheinbar nicht mehr zu vermeiden, dafür bewegen sich diese Filme schlicht zu schnell von einem Story-Beat zum nächsten.

Dass es sich hier um eine Form des filmischen Erzählens handelt, die Vorwissen und emotionalen Einsatz durch vorige Teile voraussetzt, ist beim mittlerweile neunzehnten Eintrag der Reihe selbstverständlich. Von Infinity War zu verlangen, als eigenständiger Film zu funktionieren, scheint ein törichter Gedanke zu sein. Und doch ließ er mich bis zum Schluss nicht los, der Gedanke wie verloren eine Person sich wohl fühlen mag, die mit dem MCU bisher nicht in Berührung getreten ist. Noch verlorener als ich? Hier handelt es sich um so einen vollen, so lauten, so langen Film, in dem so unglaublich viele Dinge passieren, dass man bei jedem Schauplatzwechsel fürchtet, die vorige Szene gleich wieder zu vergessen. Es ist das ultimative „Who’s Who“ des Marvel Cinematic Universe, ein endloses (Selbst-) Referenzieren und ständiges Wiedererkennen alter und neuer Figuren.

Infinity War löst Age of Ultron damit als bisher nerdigster, aber auch aufgeblähtester MCU-Eintrag ab. Die Bilderwelten und Story-Abzweigungen, in die der Film vordringt, sind idiosynkratischer als je zuvor – und statten das MCU erstmalig mit einem Sinn für Mythologie aus; eine willkommene und lange überfällige Ergänzung für diese Reihe, in der sich Fortsetzungen mehr und mehr wie Parodien ihrer Vorgängerfilme anzufühlen begannen. Vorbei scheint die Zeit, in der um alberne Superhelden noch verschämt herumgedruckst wurde („Is it too late to change the name?“, fragte der frischgebackene Ant-Man noch pflichtschuldig im Trailer zu seinem ersten Film), stattdessen erscheinen sie nun endlich als wichtige Spielfiguren in einer Mythenbildung, von der die einprägsamsten Bilder der Reihe – etwa der Abspann des zweiten Teils, der die Avengers in Form gottgleicher Marmorstatuen zeigte – bereits lange gekündet haben.

Mit Infinity War scheint das MCU an einem Punkt angelangt zu sein, an dem sich nur noch ein einziger Pfad auftut: All die verschrobenen Winkel und irrwitzigen Details der zugrunde liegenden Comicbücher willkommen heißen, sich nicht länger für Spinnenmänner und Supersoldaten schämen, sondern sie trotz ihrer albernen Heldennamen als dramatische Figuren begreifen und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Trotz der vielen Einschübe von Humor nimmt der Film die Bedrohung ernst, der seine Welt und seine Figuren ausgesetzt sind, und das hilft der Geschichte dabei, eine Dringlichkeit zu entwickeln, die das MCU lange Zeit vermissen ließ. Es gibt wieder eine Fallhöhe, um das Schicksal von Figuren muss tatsächlich gebangt werden.

Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, dass der Konkurrenz aus dem Hause DC zum Vorwurf gemacht wurde, mit Justice League ihren „ersten Marvel-Film“ gedreht zu haben. Wie als Antwort auf die kunterbunte Verballhornung der düsteren Vision Zack Snyders erinnert Infinity War nun szenenweise an dessen apokalyptischen Helden-Clash. Von der Schwere und Finsternis eines Batman v Superman mag er zwar noch weit entfernt sein, neben seinen Ausflügen in traumähnliche, mythologisch aufgeladene Bilderwelten wirkt er aber vor allem ähnlich sinnbetäubend – nicht nur aufgrund seiner Fülle an Charakteren und Erzählsträngen, sondern wegen der tosenden Actionsequenzen. Die Gebrüder Russo zelebrieren hier einen Exzess, der in seinem Ausmaß mehr an die ohrenbetäubende Städtezerstörung in Man of Steel als noch an den Kampf der Avengers gegen die Chitauri-Armee in New York erinnert.

Gefühlt jeder der vielen Erzählstränge mündet in Eskalation; in umherfliegenden und -springenden Körpern oder in einer Schrottstaubwolke aus „things crashing into other things„. Das Problem hierbei ist, dass die Gebrüder Russo noch immer kein inszenatorisches Gespür für die Kämpfe dieser übermenschlichen Kreaturen entwickelt haben. Von der kraftvollen Bodenhaftung ihres MCU-Einstandes The Winter Soldier mussten sie sich bereits in Civil War verabschieden und auch Infinity War leidet unter ihrem Faible für schnelle Schnitte und wackelige Nahaufnahmen, die die Größe und Poesie so mancher Momente nur außerhalb des Bildrandes erahnen lassen.

Davon abgesehen, dass hier gleich drei Figuren vor der Entscheidung stehen, seine/n oder ihre/n Liebste/n zu töten, um den Kampf zu gewinnen (oder gar erst weiterführen zu können), hat der Film erschreckend wenig über seine Figuren und ihre Schicksale zu erzählen, was nicht verwundert, so beschäftigt wie er damit ist, möglichst viele Dinge passieren zu lassen. Christopher Markus und Stephen McFeely greifen einige der bereits entworfenen Figurenkonflikte auf, aber wirklich Platz zum Atmen haben diese nie. Diese Erzählarmut schlägt sich auch in den Actionszenen nieder. Von der sorgfältigen, narrativen Konstruktion eines Joss Whedon (siehe: „Why the Battle of New York Might Still Be the Best Superhero Fight Sequence We’ve Seen so Far„) ist Infinity War weit entfernt, lässt man einen kurzen Moment der Teamarbeit auf dem Planeten Titan außer Acht. Das gestaltet große Teile des Films auf Dauer ermüdend, zumal die visuelle Gestaltung der Russos einmal mehr bitter enttäuscht.

Anders als noch Civil War ist Infinity War immerhin ein Film vieler Farben, aber diese lässt er nie erstrahlen. Stattdessen verwaschen sie in dunklen, matschigen und unvorteilhaft komponierten Einstellungen, die immerzu eine beklemmende Enge suggerieren. Der digitale Kleister, mit dem im großen Finale die pinken Planetenpanoramen zusammengehalten werden, ätzt dann geradezu durch die Leinwand in den Zuschauerraum – so hässliche Filme haben innerhalb des Marvel Cinematic Universe nur Anthony und Joe Russo fabriziert, was die Sorge bestätigt, dass sie – zumindest was die vorherbestimmte CGI-Lastigkeit solch eines Finales angeht – nicht die richtige Wahl für das Projekt waren.

Die direkt an diese Erkenntnis anschließende Frage lautet natürlich: Hätte es überhaupt jemand Richtiges für dieses Projekt gegeben? Denn dem Studiosystem der Gegenwart, das die MCU-Filme im entscheidenden Ausmaß geprägt haben, und aus dem sie auch noch immer hervorgehen, muss sich schlussendlich jede/r Kunstschaffende beugen – das macht der Film mit seinem Ende dann klar deutlich. Der Schluss versteht sich hier doch nur wieder als Anfang, schlimmer noch: als Teaser. Infinity War ist kein Finale, er ist der erste Teil eines Finales, ein Überbrückungsfilm ohne Anfang und Ende, Marvel-typisches wheel-spinning, dass erst durch eine Fortsetzung (der noch unbetitelte „Avengers 4“, startet in genau einem Jahr) komplettiert wird.

Ein fauler Trick, diesen überlangen und übervollen Prolog bereits als den Film verkaufen zu wollen, dem hier erst der Weg geebnet wird. Und letztendlich auch ein enttäuschender, wenngleich überraschender Weg sein Publikum aus dem Saal zu entlassen, dieses Mal mehr erschüttert als bespaßt. Wie es mit den Avengers wohl weitergehen wird? Infinity War lässt diese Frage mit einem krachenden Cliffhanger im Raum stehen. Fernsehen ist scheinbar nicht nur länger das neue Kino, Kino ist auch das neue Fernsehen. Angesichts des nur behaupteten Wagnisses, das von den angekündigten Fortsetzungen bereits unterwandert wurde, bevor die Zuschauer es überhaupt zu sehen bekommen – nicht wirklich ein vielversprechender Gedanke für die Zukunft.

Kinostart: 26.04.2018

Beitragsbild: © Marvel Studios

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