Once Upon a Time in Hollywood (2019)

Das Aufregendste an Once Upon a Time in Hollywood, dem neunten Film im Schaffen von Kultregisseur Quentin Tarantino, ist wie unaufgeregt er ist. Zuletzt lud er mit The Hateful Eight noch zum Roadshow-Event. Flackernde 70mm-Aufnahmen, eine musikalische Ouvertüre und das filmbegleitende Programmheft sind da plötzlich wieder alltäglicher Teil einer Kinoerfahrung, die sich bei Tarantino sowieso stets neuen (heißt: alten) Regeln des Zeigens und Erzählens unterwerfen muss. Kino als Event, formal wie inhaltlich. Ein Kammerspiel im ultraweiten Bildformat, ein Western ohne weite Prärien. Dafür aber mit Protagonisten, die Antagonisten sind. Die ihre Gedärme auskotzen, sich die Köpfe wegschießen und über amerikanische Geschichte diskutieren. Das Eventkino Quentin Tarantinos lädt zum Schulterschluss cinephiler und alltäglicher Kinozuschauer. Auf den Mann mit dem Fuß- und Gewaltfetisch ist Verlass.

Auf diesen garstigen, wütenden Film, der mehr noch als andere Tarantino-Filme vor ihm Event war, folgt nun OUATIH. Ein Film, der durch und durch das Werk seines Regisseurs ist, aber eben auch die Antithese. Am Spektakel, am Event, an der Grenzüberschreitung ist Tarantino in seinem neunten Film noch nicht mal dann sonderlich interessiert, wenn im Finale die Messer gezückt werden. Auch OUATIH hat das Überspitzte, Absurde und Cartooneske, das für viele Zuschauer den Reiz seiner Filme ausmacht, aber es ist auch zurückgestellt, muss geerdeteren, reiferen Qualitäten Platz machen. Das wehmütige Zeit- und Stimmungsbild, das hier in leuchtenden Farben auf die Kinoleinwand gemalt wird, ist vor allem überraschend in seiner wohligen, unaufgeregten Erfahrungsqualität. Tarantinos Film zu schauen bedeutet einzutauchen, sich davontragen zu lassen, bereits überlange Szenen nicht enden sehen zu wollen.

Es ist ein Film, der in den Pastiche-Bilderwelten schwelgt, die seit jeher Erkennungsmerkmal im Schaffen ihres Regisseurs waren. Nie zuvor jedoch wirkten sie so uneitel als Pastiche ausgestellt; als etwas, das ihm nicht gehört, aber dass er sich zu eigen machen und mit liebevoller Ehrfurcht reproduzieren kann. Wenn wir Brad Pitt in einer absurd langen Sequenz mit seinem Auto durch das nächtliche Los Angeles brausen sehen, dann steht diese nicht im Dienst irgendwelcher Plot-Bewegungen, sondern berauscht sich ganz unbekümmert an der Nostalgie des Moments, der auch eine Minute länger andauern darf, als vielen Zuschauern wahrscheinlich lieb ist. Es ist ein Film, der aus einer tiefen Notwendigkeit und Liebe für seine Welt, seine Zeit und seine Figuren heraus erzählt, aber sich von an ihn gestellten Erwartungen niemals aus der Ruhe bringen lässt.

Es folgen leichte Spoiler für das Ende des Films. Zum Lesen bitte den Absatz markieren.

Ähnlich wie in Inglourious Basterds (2009) schafft die fiktionale Gewalt des Kinos in OUATIH eine Katharsis für die Realität. Den Nazis gleich, die in Basterds allesamt Knallchargen waren, zieht Tarantino den Anhängern der Manson-Familie ganz subtil den Boden unter den Füßen weg. Er gesteht ihnen (und Manson selbst, der kaum länger zu sehen ist als in den Trailern) eine bedrohliche Präsenz zu, lässt diese schlussendlich aber an den Grenzen seines eigenen, revisionistischen Kinouniversums zerschellen. Unter Tarantino wird die schicksalhafte Nacht vom 9. August 1969 zum Rückschlag der Kino-Gewalt gegen all jene, die sie für echte Gräueltaten zu instrumentalisieren versuchen. Hinter die eigentlich längst ausdiskutierte, aber immer wieder aufkochende Debatte um die Verschränkung von fiktionaler und realer Gewalt, setzt Tarantino mit OUATIH ein spöttisches Ausrufezeichen.

Die rührende Freundschaft zwischen Westernstar Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und seinem Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt) ist das Herz des Films. DiCaprio und Pitt geben angemessen zurückgelehnte, aber auch ungeheuer präzise Darbietungen, mit denen sich beide von der Charge ihrer jeweiligen Tarantino-Einstände emanzipieren. Vor allem DiCaprios Figur, der zum Anfang des Films ihr Karriereende prophezeit wird, begegnet der Film mit viel Empathie und Einfühlsamkeit. Im gemeinsamen Spiel mit Pitt und Kinderdarstellerin Julia Butters (Transparent), sowohl in der Welt des Films als auch in der Film-im-Film-Realität, blüht DiCaprio regelrecht auf. Sein Rick Dalton ist eine lebendige Figur, in dessen Gesicht sich die Anstrengung ihres Darstellers nicht ständig abzeichnen muss. Pitt ist so komisch wie seit Jahren nicht mehr, und Sharon Tate, die für den Film weniger Figur und mehr Symbol ist, wird von Margot Robbie (Suicide Squad) trotz Dialogarmut im bewundernswerten Ausmaß mit Leben erfüllt.

Tarantino erzählt Tate durch eine Reihe an Alltagssituationen. Er zeigt sie beim Autofahren und Kofferpacken, im Buchgeschäft und Kinosaal, sich selbst und die Reaktionen der Kinozuschauer auf The Wrecking Crew (1968) freudig mitverfolgend. Robbie spielt sie als eine quirlige, lebensfreudige Person, Tarantino inszeniert ihr eine Liebeserklärung, lässt sie Mensch und nicht (nur?) Opfer sein. Alle Momente mit Sharon Tate in Once Upon a Time in Hollywood könnten emblematisch einstehen für den Film als solchen. Für das Wohlige und Ausschweifende, Empathische und Menschennahe, Traurige und das Schöne. Wenn sich der Titel des Films gemächlich über die letzte Einstellung legt, und aus den Lautsprechern nur noch Melancholie dringt, könnte man meinen, Quentin Tarantino wolle sich schon einen Film zu früh verabschieden. Das Schlussbild dieses sanften, warmen Kinomärchens würde seine Karriere eigentlich treffend zu Ende erzählen.

Kinostart: 15.08.2019

Beitragsbild: © Sony Pictures Entertainment / © Columbia Pictures

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