Solo: A Star Wars Story (2018)

Der Zauber des Star-Wars-Universums, hat er sich im vierten Jahr Post-Lucas etwa schon in Sternenstaub aufgelöst? Für den neuen Star-Wars-Film unter dem Dirigat von Kathleen Kennedy – das zweite Spin-Off, das als eigenständige „Star Wars Story“ Hintergründe bekannter und weniger bekannter Figuren und Geschichten beleuchtet – ist der alljährliche Dezemberzirkus bereits Geschichte. Die Trailer zu Solo: A Star Wars Story künden nicht von nostalgischen Wiedersehensversprechen, starre und bewegte Bilder ließen ewig auf sich warten, und der Kinostart Ende Mai verfrachtet das Science-Fiction-Abenteuer an den Anfang eines Kinosommers, zwischen Superheldenfilm Nummer 2504 und Nummer 2505, was dem großen Happening „Star Wars“ seinen frisch wiedererlangten Happening-Charakter nimmt.

Das mag alles wirtschaftliche Gründe haben – nach Ausschluss der Regisseure Phil Lord und Christopher Miller wurde schließlich längste Zeit gemutmaßt, dass der Film seinen anvisierten Starttermin gar nicht halten kann – aber ergibt mittlerweile auch in Hinblick auf den Film Sinn. Die Standardisierung des einstigen Mythos Star Wars hat mit der Übernahme Disneys seinen Lauf genommen – bereits in die Vorfreude auf die siebte Episode mischte sich damals ein Tröpfchen Unbehagen: ob die Ankündigung, ab jetzt jedes Jahr einen neuen Star-Wars-Film zu sehen, nicht doch auch ein Schreckversprechen ist? Die Anzahl der Filme, die Star Wars über zwei Jahrzehnte hinweg den unangefochtenen Popkultur-Status verschafften, hat Disney nun bereits überschritten. Ein neuer Star-Wars-Film, das das gilt es sich langsam einzugestehen, ist nichts Besonderes mehr.

Solo: A Star Wars Story ist für diese Erkenntnis der richtige Film, (scheinbar) am richtigen Ort. Anders als die Saga-Filme, die sich ihren Hype mit J.J. Abrams‘ mystery box und der Vorfreude auf das Wiedersehen mit alten Bekannten sicher(te)n, und Rogue One, der vorab Fragen über das womöglich fatalistische Schicksal seiner Figuren aufgab, gibt es an der Origin Story von Han Solo schlicht nichts, was sich Fans der Sternenkriegssaga seit jeher innigst herbeigewünscht haben; keinen Moment, keine Figur, keine zusätzliche Information. Han Solo ist Han Solo, so wie Harrison Ford ihn gespielt hat – und der erste Star-Wars-Film ist ein mustergültiges Beispiel dafür, durch was für einfache erzählerischen Handgriffe sich eine Figur charakterisieren und dem Publikum vertraut machen lässt, ohne sie dabei umgehend zu entmystifizieren (Fords rau-charismatische Darbietung trägt natürlich auch ihren Teil dazu bei).

Wie Han Solo auf Chewbacca traf, wie er seinen Nachnamen und Blaster erhielt, auf welche Ereignisse die „shoot first“-Mentalität und seine dezent misogynen Charakterzüge zurückzuführen sind – all das sind Fragen, die Solo: A Star Wars Story so beherzt beantwortet, als hätten sie bereits Jahre lang brennend im Raum gestanden. Dabei könnten sie die Figur betreffend gar nicht nichtssagender, wenn nicht sogar schädlicher sein. Weiterhin wird versucht den märchenhaften Charakter von George Lucas‘ erstem Star-Wars-Film zu erden, rückwirkend auszubuchstabieren – ähnlich wie Rogue One, der um die Schwachstelle des Todessterns aber immerhin eine emotionale Vater-Tochter-Geschichte spannte. Solo: A Star Wars Story aber erscheint mehr als eine lose Verknüpfung mehrer Story-Vignetten, in denen es nur darum geht, die berühmtesten Wesenszüge der Hauptfigur zu erklären. Die ärgsten Verächter des subtextreichen The Last Jedi dürfen aufatmen: der Han-Solo-Film hat außer über seine eigene Franchise-Verkultung absolut nichts zu erzählen.

Das ist besonders in Hinblick darauf schade, dass Ron Howard – dem der Regie-Credit ganz allein gehört – inszenatorisch durchaus auftrumpft. Anders als die neuen Saga-Filme, die durch ihr Neu-Arrangement vertrauter Star-Wars-imagery weiterhin nur wie happige Fanprojekte aussehen, haben Howard und Kameramann Bradford Young ein starkes visuelles Konzept für den Film ausgearbeitet. Besonders die erste Hälfte des Films gefällt mit einer finsteren Farbpalette und der sorgfältig inszenierten Schnelle und Orientierungslosigkeit, die der weit, weit entfernten Galaxis einen neuen, schmutzigen Anstrich gibt; eine verrohte und kraftvolle Intensität, die ein willkommenes neues Weltengefühl im Star-Wars-Universum darstellt. Das gilt auch für die teils wuchtigen Actionsequenzen, die sich mit den düsteren Lasergefechten aus Gareth Edwards‘ Rogue One, dem bis jetzt schönsten und druckvollsten aller Star-Wars-Filme, messen lassen können. 

Man wünscht sich, Solo: A Star Wars Story würde über diese formalen Errungenschaften auch etwas beherbergen, das all diesen Actionsequenzen emotionales Gewicht verleiht, dass er über seine Figuren auch abseits alberner Fanverweise etwas zu erzählen hat. Zu einer wirklich interessanten Figur wird dieser junge Han Solo im Verlauf seines eigenen Films nie, was vielleicht auch auf Alden Ehrenreich zurückgeht, der weder verärgert noch begeistert. An einer Imitation von Harrison Fords legendärer Performance versucht er sich gar nicht erst, stattdessen lässt er nur hin und wieder kleine Eigenheiten der Figur aufblitzen und spielt ansonsten die Rolle des selbstgefälligen Blockbusterhelden routiniert herunter. Der um ihn versammelten Besetzung bleibt scheinbar nichts anderes übrig, als sich dieser Arbeitsmoral anzuschließen – besonders die zwischen Ehrenreich und Emilia Clarke aufgefädelte Liebesbeziehung verliert nach einem schönen Auftakt schnell ihren Reiz.

Dass Solo: A Star Wars Story bereits im Mai Einzug in die Kinos hält, fühlt sich also auf den zweiten Blick gar nicht mehr so sonderbar an. Die triumphale Rückkehr des ewigen Sternenkrieges vor drei Jahren hat sich rentiert, einmal (bald zweimal, dann dreimal, irgendwann viermal) im Jahr ist Star Wars wieder in aller Munde. Solo ist der Posterboy-Film dieser neu etablierten, Marvel-ähnlichen Standardisierung: Er ist ein egales Intermezzo für zwischendurch, ein Film der die einst erhabene Saga aus Star-Wars-Storys um nichts bereichert, sie nicht emuliert, umdenkt oder aufbricht – stattdessen ist er einfach nur da, kurz und kurzfristig, und zum nächsten Disney-Tentpole wahrscheinlich auch schon wieder vergessen. Und wie das schrecklich doofe Cameo einer vertrauten Figur in den letzten Minuten klar macht, markiert er für diese neue Art des Star-Wars-Films lediglich einen Startpunkt. „Chewie, we’re home“ – der Blick zurück, vor allem aber der nach vorne, lässt den Wunsch aufkommen, die beiden wären dort nie angekommen.

Kinostart: 24.05.2018

Beitragsbild: © Disney / Lucasfilm Ltd.

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