Frozen II (2019)

Der erste Frozen war nicht nur ein Welterfolg, sondern richtete nicht zuletzt den Zeichentrick- und Animationsfilm, samt seiner gängigen Geschlechterklischees, gegen sich selbst. Prinzessin Anna wurde von sämtlichen Nebenfiguren entsetzt die Liebe auf den ersten Blick ausgeredet, der alles besiegelnde Akt wahrer Liebe fand nicht zwischen boy und girl, sondern zwischen sister und sister statt. Als emanzipatorische Ode an Selbstbestimmung und Schwesternliebe eroberte der Film die Herzen von Millionen von Zuschauern. Aber das ist sechs Jahre her. Die Fortsetzung übt sich glücklicherweise nicht bloß in Wiederholung, sondern badet in einer willkommenen Flut expansiven Wahnsinns. Frozen II opfert das schmale Ausmaß und die Kohärenz seines Vorgängers, um (wortwörtlich) in unerforschtes Gebiet vorzustoßen. Die Welt von Frozen wird größer, schöner und bedeutsamer, damit aber auch etwas unübersichtlicher.

Das Drehbuch von Jennifer Lee schickt Elsa und Anna in die Vergangenheit, in der unter dichten Nebelschwaden die Missetaten früherer Generationen noch immer ihre giftigen Wurzeln ausschlagen. Inmitten zunehmend absurderer Storymanöver und Gesangseinlagen (ein Highlight gehört Kristoff, der im Duett mit singenden Rentieren eine fantastische Kuschelrockparodie schmettern darf) reift Frozen II mehr und mehr zum Film über das soziokulturelle Versagen von Männern, für deren Sünden die Frauen der Gegenwart büßen sollen. Elsa und Anna aber stellen sich den selbstlosen Entscheidungen, die es zu treffen gilt, um entzweite Völker zu vereinen und die eigene Bestimmung zu finden. Trotz stilistischer Unterschiede und einer umfassenderen erzählerischen Bandbreite führt Frozen II die Coming-of-Age-Thematik seines Vorgängers weiter.

Emanzipatorisch ist der Film dahingehend, dass er sich gefühlvoll (und visuell durchaus einfallsreich) in die schweren Entscheidungen hineindenkt, vor denen sowohl Elsa als auch Anna im Verlauf des Films stehen – im verzweifelten Versuch, die Dämonen der Vergangenheit zu zerstören ohne dabei das Gute, das es hervorgebracht hat, mit in den Abgrund zu reißen. In einer Sequenz, die Elsas „Let it go“-Moment aus dem ersten Teil locker in die Tasche steckt, wird die Eiskönigin von den Göttern durch einen Gedankenpalast geleitet, um schlussendlich das größte aller Opfer zu bringen. Gemeinsam stark zu sein, bedeutet nicht immer ein Rücken an Rücken ausgetragener Kampf, sondern auch die Trennung und das Treffen individueller Entscheidungen. Lee lässt ihre Figuren nicht bloß auf der Stelle treten, sondern entwickelt sie im mitreißenden Ausmaß weiter.

Gemeinsam mit Co-Regisseur Chris Buck und einer Armada aus Animatoren stößt sie zudem in aufregende Bilderwelten vor, die sich durchaus in einen thematischen Bezug zur Heldinnenreise setzen lassen. „When you’re older, absolutely everything makes sense“, trällert Schneemann Olaf in seinem einzigen Soloauftritt. Genau wie die ernstzunehmenden Figuren des Films ist er fasziniert vom Erwachsenwerden und introspektiv genug, um sich selbst im eigenen Lebensabschnitt zu verorten. Dass Lee und Buck ihren zweiten Frozen-Film dafür nutzen, um diese Geschichte zu erzählen, und für sie so enthemmte, strahlende Bilder zu finden, ist eine Freude. Dass die Fortsetzung dafür ihre erzählerische Kohärenz einbüßt und bis zuletzt ein etwas überbevölkertes Spektakel ist, gilt es wohl zu verschmerzen.

Kinostart: 20.11.2019

Beitragsbild: © Disney

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