Midsommar (2019)

Die Prämisse von einer Gruppe Studenten, deren Traumurlaub in einer abgelegenen, schwedischen Gemeinde zur Hölle mutiert, ist eine gängige Plot-Trope im Horror-Genre. Dieser bekannte Ausgangspunkt dient zur Verdeutlichung unstimmiger Dynamiken zwischen Ländern und Kulturen, wenn eine Gruppe wortwörtlich das Ende der anderen bedeutet. Folglich spielt Midsommar von Anfang an mit relativ offenen Karten und macht keinen Hehl daraus, wohin sich die Story bewegen wird. Interessant ist eher die meditative Ruhe, in der sich das Grauen langsam entfaltet und Abgründe an die Oberfläche treten. Im Gegensatz zu der Annahme, in der Dunkelheit läge der Schrecken, ist Midsommar fast nur bei reinem Tageslicht gefilmt. Das zeitliche Setting der Sommernachtswende, innerhalb derer es nur drei Sunden wirklich dunkel ist, macht das Licht zu einem omnipräsenten Faktor, das mehr enthüllt, als es den Beteiligten lieb ist. Es zwingt die inneren Wunden dazu, entblößt zu werden und lässt keinen Rückzugsort.

Ein Beispiel für dieses Prinzip ist eine Szene relativ zu Beginn des Filmes: Noch bevor die junge Gruppe rund um Dani (Florence Pugh) und Christian (Jack Reynor) in der heidnischen Kolonie ankommen, beschließen sie psychedelische Pilze zu nehmen. Während alle Beteiligten ihren Rausch und die Landschaft genießen, weiß Dani nicht wie ihr geschieht. Sie gerät in Panik und rennt davon, ohne sich verstecken zu können, während die Bäume und Gräser um sie herum sich verstörend verfremden. Irgendwann kann Dani ihrer emotionalen Verstimmung nicht mehr davonlaufen, so sehr sie auch innerhalb der sich nach Entspannung sehnenden Gruppe aufzugehen versucht. Ihr Umfeld kann ihr keine Stabilität bieten und die Kommunikation untereinander ist massiv gestört.

In der Kolonie hingegen wird diese Dynamik schließlich aufgebrochen und die Beteiligten zeigen ihr wahres Gesicht. Wo die Interaktion zwischen den amerikanischen Studenten aufgesetzt wirkt und von Oberflächlichkeit beherrscht wird, scheinen die Kolonie-Mitglieder viel offener zueinander zu sein. Hier gibt es keine Geheimnisse voreinander und niemand muss sich für seine Gefühle entschuldigen. Als Dani in einer Szene in hysterisches Weinen ausbricht versammeln sich mehrere Mitglieder der Kolonie um sie und weinen mit ihr. Ein groteskes Bild, aber dennoch eines der schönsten des Filmes.

Wo Ari Asters Vorgängerfilm Hereditary in seinem Familienspuk relativ simpel bleibt, ist Midsommar ambitionierter. Bis zum Ende hin bleibt unklar woher der Schrecken eigentlich kommt. Er entsteht sowohl durch die Fremdheit der bizarren Folk-Ritualen, in der Unfähigkeit der Amerikaner, der fremden Kultur auf Augenhöhe zu begegnen, als auch in den unausgesprochenen Gefühlen innerhalb der toxischen Beziehung zwischen Dani und Christian. Midsommar bietet genug Reibungspunkte des Horrors, der sich erst schleichend bemerkbar macht und sich schließlich im aggressiven Licht eines Sommertages schmerzhaft manifestiert.

Kinostart: 26.09.2019

Beitragsbild: © A24

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