Ready Player One (2018)

Dass er mal wieder etwas Aufregendes drehe, lautete der innige Wunsch vieler Fans von Steven Spielberg, nachdem sich dieser seit nunmehr sechs Jahren vom Blockbusterkino zurückgezogen hatte. Ein Film vielleicht wie Minority Report (oder gar Jurassic Park!) sollte es wieder werden. Hauptsache aber etwas, dass ihn aus der wohligen Komfortzone seiner „dad movies“ heraustreten ließe, deren erwartbare Mindestqualität dem Warten auf einen neuen Spielberg-Film jeglichen Nervenkitzel genommen hatte. Ready Player One, basierend auf Ernest Clines gleichnamigem Roman, empfiehlt sich nun als dieses Wagnis – mehr Animations- als Live-Action-Film und Adaption einer Buchvorlage, die in ihrer Videospielwelt die große 80er-Jahre-Nostalgie zelebriert. In Andrés Muschiettis Neuverfilmung von Stephen Kings It lugten die Kino-Anzeigetafeln, die den Start von Batman und Lethal Weapon 2 ankündigten, noch verstohlen aus dem Hintergrund ins Bild – in Ready Player One dagegen füllen die Referenzen unverhohlen beinahe jeden Frame.

Eine Videospielwelt lebendig werden zu lassen – vor allem eine, die sich erst aus jahrzehntelangen Beständen von Popkultur konstituiert – ist ein Unterfangen, dem das visuelle Medium schlicht besser gewachsen ist als jedes andere. Um einen neuen Schauplatz oder einen neuen Charakter zu etablieren, benötigt Cline in der Romanvorlage ganze Seiten. Spielberg dagegen inszeniert die OASIS in einem ständigen Bewegungsfluss, in dem die Bilder für sich selbst sprechen dürfen. Wie in einem Einkaufszentrum ziehen die fiktionalen Kreaturen und Figuren in Strömen aneinander vorbei, manche im Vorder- und manche im Hintergrund, manche für einige Sekunden und manche nur für einen Wimpernschlag. Die OASIS erschafft sich auf der großen Leinwand sehr viel organischer als auf dem Papier, weil nur ihr Konzept, nicht aber ihre Versatzstücke erklärt werden müssen – die müssen einfach nur zu sehen sein.

Das Tempo, mit dem der Film sich durch diese Welten bewegt, reduziert den nostalgischen Kniefall vor der Popkultur dabei zu einer der Geschichte inhärenten, aber auch angenehm natürlichen Begleiterscheinung seiner Videospielästhetik. Ein oder zwei „throw-away“-Gags außen vorgelassen, scheint er sich nie dazu berufen zu fühlen, die mittlerweile mainstreamisierte Leidenschaft für Popkultur und geekige Fandoms auszustellen – viel mehr scheint er sie als Teil seiner Prämisse (an)erkannt und verinnerlicht zu haben. Das Herz von Ready Player One ist nicht die illustre Reihe an Figuren und Referenzen, sondern das Abenteuer, für das diese den Rahmen bilden. Ein Abenteuer, das sich trotz des digitalen Exzesses eine klassische Note bewahrt – ein für das Blockbusterkino der Moderne beinahe altmodisches Gefühl von aufrichtiger Warmherzigkeit, von nach-Hause-kommen. Inmitten all jener Pixel bewahrt der Film sich den Spielberg-Effekt.

Ein Triumph ist dabei vor allem die Sequenz, in der sich die Figuren im wortwörtlichen Sinne in einen ihrer geliebten Film hineinbegeben müssen, um das nächste Level zu erreichen. Liebevoller und vergnüglicher, als die grotesken Videospielfiguren durch die fotorealistisch rekreierten Korridore eines der berühmtesten Horrorhäuser der Filmgeschichte zu jagen und sie dabei Schlüsselszenen des Films durchleben zu lassen, kann die auf dem Papier ungesund anmaßende Obsession mit dem eigenen Medium gar nicht ausgelebt werden. Ready Player One wird so zu Kino über Liebe zum Kino, das den mittlerweile 71 Jahre alten Steven Spielberg mit genau der Popkultur in Kontakt treten lässt, die er selbst erschaffen und maßgeblich geprägt hat – als Wegbegleiter und nun auch Wegbereiter für alle seine Kollegen, Freunde und Vorbilder, deren Kreationen er hier huldigt, in dem er sie in eine neue Ära des Blockbusterkinos eintreten lässt.

Die Möglichkeiten dieses (digitalen) Blockbusterkinos – Ready Player One nutzt sie alle. Seit The Adventures of Tintin (2011), dem letzten von Spielbergs Projekten mit Actionszenen dieses Kalibers, hat sich keiner seiner Filme so wunderschön den Bewegtbildern des Kinos hingegeben. Wann immer er die digitalen Welten der OASIS verlässt (und sich etwa den arg missratenen Liebeleien der zwei Hauptprotagonisten widmet), droht dem Film die Puste auszugehen – wenn er sich aber in Bewegung befindet, prescht er so unaufhaltsam voran, dass die Kinetik geradezu aus der Leinwand heraus und in den Kinosaal hineinschwappt. Es rast und rummst und rattert, und die bewegungsfreie Kamera von Janusz Kaminski verortet den Zuschauer immer mitten im Geschehen, unternimmt unmögliche Fahrten und Drehungen, zelebriert den Exzess in all seinem Größenwahn. Die Actionszenen in Ready Player One sind ohrenbetäubendes, sensationell orchestriertes Chaos.

Wenn es überhaupt etwas gibt, dass in diesem überlangen Abenteuer zu kurz kommt (sprich: für das der Film keinen Exzess kennt), dann sind es Gefühle. Vielleicht ist es sogar deren Abstinenz, was den Film davon abhält, sich in die größten und schönsten Abenteuer seines Regisseurs einzureihen. Der emotionalste Moment des Films gehört Mark Rylance, der den OASIS-Schöpfer James Halliday bezaubernd schrullig und verletzlich gibt, und der mit seinem letzten Auftritt schließlich eine Ahnung von den Emotionen hinterlässt, die der Film mit etwas mehr Interesse für seine Figur hätte entfalten können. Sich von Ready Player One mitreißen zu lassen, fällt deswegen nicht schwer, aber die Figuren bleiben dennoch blass, als würden sie dem Film nur unter dem Gesichtspunkt seiner Liason aus Kino- und Videospielerfahrung dienen wollen: Sie bleiben Avatare; Spielfiguren, auf die der Zuschauer sich selbst projizieren kann.

Und das genügt. Denn der Film macht großen Spaß; er bringt eine altmodische und sehr zeitgemäße Idee von Spektakelfilm zusammen und befriedigt gleichzeitig das Verlangen nach einem Spielberg-Film, der sich erst einmal das Risiko herausnimmt zu versagen, bevor er triumphiert. Im Rahmen seiner Möglichkeiten ist er womöglich noch immer enttäuschend, weil zu lang, zu unsauber erzählt, zu unachtsam in seiner Figurenzeichnung. Ready Player One ist immer dann am besten, wenn er sich bewegt und vor allem, wenn er sich direkt vor dem Zuschauer bewegt – mit dem Verlassen des Kinos lässt man einen Großteil seiner Erfahrung dort zurück. Auf dem Heimweg wartet nur die selige Erinnerung an das Spektakel, an die Bilder, die Bewegung. Uns noch mal aufs Neue an Dinosaurier glauben lassen, das kann selbst Steven Spielberg nicht. Aber es ist schön zu wissen, dass er uns auch im Jahr 2018 im Kino noch immer überwältigen kann.

Kinostart: 05.04.2018

Beitragsbild: © Warner Bros.

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