The Square (2017)

Unbeweglichkeit als Werkzeug der Ironie: und zwar bis an die Grenzen des Erträglichen. The Square (Ruben Östlund, 2017) macht sich über moderne Kunst lustig – bedient sich dabei jedoch stilistischer Mittel, die ihn genau in diesem Kontext verorten.

Es wird nicht ganz eindeutig, welche Struktur der Film annimmt; ist es nun eine Aneinanderreihung verschiedener Anekdoten, teils lustig, teils banal? Oder doch das Porträt des Kuratoren Christian, der in der aufgeblasenen modernen Kunstszene zwischen skurrilen, nichtsdestotrotz unsympathischen Figuren umherschwimmt? Weder das eine noch das andere funktioniert so richtig – für Ersteres sind die Anekdoten nicht witzig genug, für Letzteres fehlt eine Annäherung an den Protagonisten. Seine Figur bleibt bis zum Ende mehr oder weniger blass; irgendwie engagiert, aber nicht leidenschaftlich, oft überfordert mit der Situation – nicht gerade ein angenehmer Mensch, aber auch kein richtiges Arschloch: Dafür ist er viel zu unentschieden.

Dieses Problem tritt an einigen Stellen des Films auf; oft wird nicht ersichtlich, ob an dieser Stelle eine Aussage getroffen werden soll oder ob dem Regisseur einfach das Bild gefallen hat. Das könnte ungezwungen und künstlerisch wirken, gewinnt aber durch die überdeutlich herausgestrichene Ironie der Situationen etwas unheimlich Gewolltes. Mehrere nicht-ganz-so-einfache Themen, wie urbane Obdachlosigkeit oder die Vorzeigbarkeit von Tourette, werden angesprochen – und sogleich auf dem Altar der sarkastischen Zurschaustellung verholzt. Was vielleicht als süffisanter Kommentar zur ach-so-innovativen Kunstszene gemeint war, gerät selber zu einer Form von Kunst, die als Platzhalter fehlender Bedeutung fungiert; zum Beispiel, wenn Christian in der Wohnung seines One Night Stands plötzlich einem Affen gegenübersteht, der keinerlei Einfluss auf die Handlung ausübt und lediglich den Absurditätsfaktor erhöht.

Der Humor von The Square scheint über das Fokussieren unangenehmer Situationen und Begegnungen zu funktionieren. Dies wird auch auf auditiver Ebene umgesetzt: Wiederholt wird die Szenerie von repetativen, störenden Geräuschen untermalt, die, wie andere Elemente des Films, einerseits die Grenzen des Aushaltbaren austesten, andererseits aber die Frage aufwerfen, wieso die Figuren nicht einfach woanders hingehen können. Allgemein liegt die Suche nach einem Motiv für die immer wieder hervorgehobene Statik von Charakteren und Bildern nahe; ich habe mir sagen lassen, dass es sich teilweise in dem für Skandinavien typischen Verhaltensmuster der übertriebenen Korrektheit wiederfindet, das hier aufs Korn genommen werden soll. Aber auch in diesem Fall reproduziert der Film, was er eigentlich ironisieren möchte und die Bewegungslosigkeit der Hauptfigur und ihres Umfelds wird zum sich zweieinhalb Stunden lang wiederholenden Running Gag, der bereits in der ersten Hälfte seine Verve verliert.

Als einzig interessante Szene erweist sich die Affenperformance. In einem pompösen Saal springt ein Schauspieler in Gorillamanier zwischen den fein angezogenen Gästen umher; was zuerst Belustigung hervorruft, artet schließlich in Chaos und Bestürzung aus, als der Performer sich immer tiefer in seine Rolle hineinsteigert und schließlich mühsam davon abgehalten werden kann, eine Besucherin zu vergewaltigen. Vielleicht kommt in dieser Szene zum Vorschein, was The Square ursprünglich formulieren wollte: Einen Vorwurf an die selbstgerechte Kunstmentalität, die sich bei der geringsten Anspielung auf das, was echt ist, das, was wirklich schockieren könnte, empört distanziert. Doch dieser Moment des Über-den-Tellerrand-Hinausahnens geht unter in einem Wust aus mühsam mit Bedeutung aufgeladenen oder gezielt bedeutungsarmen Fragmenten. Und so bleibt The Square letztendlich eine unkonkrete Mischung aus zweifelhafter (Selbst-)Ironie, dürftiger Situationskomik und einem Bis-an-die-Grenze-gehen, dessen Gewolltheit den Film zu einem Marathon des Aushaltens macht – auf Seiten der Figuren wie auf der des Zuschauers.

Beitragsbild: © Alamode Film

Kinostart: 19.10.2017

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