The Greatest Showman (2017)

Eine Checkliste in Sachen politischer Unkorrektheit


Er fängt pompös an, der neue Film von dem bisher eher unbekannten Michael Gracey: Mit fetzigen Rhythmen und einer eindrucksvollen Best of Musical-Montage. Überhaupt durchzieht den ganzen Film ein roter Faden, der, ähnlich wie bei La La Land, genauso gut einem Walt-Disney Zeichentrickfilm angehören könnte. Alles ist dabei: Der American Dream eines armen jungen Manns, der sich von ganz unten nach ganz oben hocharbeitet, und schließlich von seinem Größenwahn geheilt werden muss, weil Hochmut eben vor dem Fall – und der in Hollywood unvermeidbaren Happy-End-Versöhnung – kommt; mit dabei natürlich immer die große Liebe, die auf keinen Fall irgendeine charakterliche Legitimierung und/oder Individualisierung bekommen darf – die gibt’s halt, und damit basta.

Basis dieses ohnehin nicht sehr facettenreich konzipierten Biopics ist die aus ethischer Perspektive sehr umstrittene Figur des P.T. Barnum, der Mitte des 19. Jahrhunderts den Zirkus erfand. Barnum war eine abenteuerliche Mischung aus Schausteller, Showmaster und Schwindler, der sein Publikum mit verschiedenen Formen lebloser und lebendiger „Kuriositäten“ anlockte und dabei relativ wenig auf Pietät gab. So stellte er beispielsweise zwei „Aztekenkinder“ aus, geistig zurückgebliebene Waisenkinder, die er am Ende der Show ans Waisenhaus „zurückgab“.

Aus dieser zweifellos innovativen, aber moralisch sehr fragwürdigen Figur macht The Greatest Showman einen mutigen Pionier, der sich nicht um den Spott der kleinbürgerlichen New Yorker kümmert und armen, ausgestoßenen Gestalten wie einem Zwerg und einer bärtigen Lady (die in der Realität aber natürlich keinen Bart hat, weil das wäre ja schon echt unschön) eine Stimme und ein Zuhause gibt. Zwerg und Lady fungieren dabei, zusammen mit der Sängerin Zendaya, als Alibi-Afroamerikanerin, als pars pro toto für all die „Kuriositäten“ aus Barnums Show, die zwar immer wieder durchs Bild hüpfen und die Größe von Barnums Truppe (und die seines Herzens) markieren, ansonsten aber namenlos und ohne nennenswerte Eigenschaften bleiben. Zendaya fängt außerdem im Verlauf der Handlung eine zärtliche Liebesbeziehung mit Barnums Assistenten (Musicaldarling Zac Efron) an, womit die beiden die ultimative Vermischung von „Skurril“ und „Normal“ verbildlichen.

Bisher hat der Film zwei Preise abgesahnt; einen Golden Globe für den Song „This is me“; in dem alle Zirkusdarsteller stolz ihre Andersartigkeit verkünden, und den (Gott sei Dank eher kleinen) Preis des Heartland Film Festivals als „Most Touching Movie“. Wenn diese Spur bei den Oscars weitergefahren wird, sollte man sich langsam Sorgen machen, ob mittlerweile unter dem Duktus der Bildgewalt und dem Motto „The Show must go on“ alles erlaubt ist und jegliche moralische Historizität unter den Tisch fallen darf.

Kinostart: 04.01.2018

Beitragsbild: © Fox

One thought on “The Greatest Showman (2017)

  1. Ich kann diese negative Meinung nicht teilen. Einem Musical vorzuwerfen, dass es nicht historisch korrekt ist, ist genauso falsch wie sich darüber aufzuregen, dass im Melodram zu wenig Action ist. Ein Musical muss nicht historisch korrekt sein. Hätte man aus dem Stoff ein Biopic gemacht, wäre ich da auch strenger, aber ich beziehe das Genre durchaus in meine Wertung mit ein.

    Mir hat der Film viel Spaß gemacht. Ich habe mich übrigens im Anschluss an den Film über Barnum informiert, weil ich mir schon dachte, dass da in der Handlung einiges glattgebügelt wurde. Und wenn man ein aufgeklärtes Publikum hat, das auch mal das Gesehene infragestellt, sehe ich da kein Problem.

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