The Comedy & Entertainment (2012/2015)

Regie: Rick Alverson – 95 Minuten – Verleih: Bildstörung

In der Anfangsszene von The Comedy besucht Protagonist Swanson (Tim Heidecker) seinen komatösen Vater im Krankenhaus. Für seinen bevorstehenden Verlust hat er keine Gefühle übrig, lieber denunziert er die männliche Krankenschwester, die sich um den sterbenden Mann kümmert. Auch in seinem Alltag versucht sich der Egomane mit besonders herablassenden Sprüchen zu profilieren, steigt auch mal selbst herab in eine Bar unter seiner Würde, um sich dem niederen Volk zu zeigen, wenn er sich nicht gerade mit seiner Gruppe aus Müßiggängern die Zeit vertreibt. Dass in Armut lebende Menschen auf der anderen Seite der Welt unter dem blanken Überlebenswillen keine reflektierten Gedanken über ihr Dasein haben, sieht er als Bestätigung für die Überlegenheit eines Typus Mensch, dem er zugehörig ist. Und trotz all der abstoßenden Charaktereigenschaften erhebt sich Regisseur Rick Alverson nie dazu, seine Hauptfigur zu verteufeln. Durch die stille Beobachtung und Heideckers nuanciertes Schauspiel beginnen sich Risse in Swansons penetrant selbstdarstellerischer Fassade herauszukristallisieren.

Aus seiner Persönlichkeit resultiert eine soziale sowie emotionale Isolation, die sich zu einem selbstzerstörerischen Tunnelblick entwickelt hat. Die Impro-Gestalt seiner Dialoge offenbart dabei jedoch eine tiefere Ebene in seinem Wesen, die sich dessen bewusst ist. In ihrer beliebigen Form entblößen seine anmaßenden Sprüche ein tiefe Verunsicherung. Was nach einem Baseballspiel unter den Hipster-Kumpels unter anderer musikalischer Untermalung als glorreiche Indie-Film-Szene herhalten könnte, inszeniert Alverson in einer audiovisuellen Dissonanz als deprimierende Reflexion seiner Lebensart. Irgendwo in Rick Alversons Charakterstudie steckt dabei auch ein gesellschaftliches Spiegelbild über die privilegierte Schicht, die zum Spaß auch mal dafür bezahlt, für zwanzig Minuten Taxifahrer zu spielen.


Regie: Rick Alverson – 102 Minuten – Kinostart: 15.09.2016

In Entertainment gehen Charakterstudie und Branchen(-Meta)-Kommentar Hand in Hand. Hauptdarsteller Gregg Turkington tritt im echten Leben selbst als Komödiant in der Rolle des schmierigen Neil Hamburger auf, an den seine im Film zum alter Ego mutierten Comedy-Rolle angelehnt ist. Seine Figur in Entertainment ist nur „der Komödiant“, seine Persönlichkeit so leer wie das ausgehöhlte Flugzeug, in dem er sich zu Beginn des Films hinkauert. Auf seinem Road-Trip durch eine triste Wüstenlandschaft, in der Hoffnungsschimmer höchstens Fata Morganas sind, versucht er immer wieder, telefonischen Kontakt zu seiner entfremdeten Tochter aufzunehmen. Statt ihr mit jedem Kilometer näherzukommen, versinkt der Komödiant jedoch zunehmend in Traurigkeit. Oh, the irony.

Durch die erste Szene des Films könnte man das Dilemma des Protagonisten wohl am besten beschreiben. Dort tritt Comedy-Kollege Eddie (Tye Sheridan) als Clown vor einem Publikum aus Gefängnisinsassen auf; Turkingtons Komödiant ist beide Seiten dieses Schauspiels. Gefangener seiner eigenen Rolle, andere und sich selbst belügend. Seine Figur betont selbst immer wieder, dass seine Auftritte die Leute ihre Probleme und Sorgen vergessen lassen sollen, was in Rick Alversons Inszenierung eher Trauerzeugnis als humoristischer Lichtblick ist. Dazu dekonstruiert und entronmantisiert er den Mythos vom Comedian als dauerhaft gut gelaunten Künstler. Der Komödiant sieht schon längst mehr Ähnlichkeit zwischen ihm und einer dauerbetriebenen Ölpumpe als mit sich selbst und zerbricht letztendlich in einen nicht existenten Raum zwischen himmelhoch jauchzen und zu Tode betrübt sein.

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