Star Wars: The Last Jedi (2017)

Wenn in verheißungsvoller Stille das Lucasfilm-Logo und „A long time ago in galaxy far, far away…“ auf der Leinwand erscheinen, und zu John Williams‘ Fanfare schließlich die Worte „Star Wars“ in die sternengesprenkelte Tiefe des Weltraums zu sinken beginnen, dann schlägt das Herz im Hals und das Gesicht ist im seligen Grinsen erstarrt, immer wieder aufs Neue. Solche Glücksgefühle sind im Jahr 2017 keine Gegebenheit mehr, denn für viele hat sich die wohlige Liebe zur mittlerweile 40 Jahre überdauernden Sternenkriegssaga in Ermüdung aufgelöst, bedingt nicht zwangsläufig durch die neuen Filme, sondern durch die florierende Diskussions- und Empörungskultur des Internets, vom News- und Gerüchte-Wahnsinn ganz zu schweigen. Nicht selten schlägt da Vertraut- in Verdrossenheit um, und einen kühlen Kopf zu bewahren ist schwer im Angesicht so manch unsäglicher Debatten („Mary Sue“). Denn Star Wars ist wieder da, es ist allgegenwärtig und so schnell wird es auch nicht wieder verschwinden.

Teil dieser Omnipräsenz aber ist natürlich auch das Aufrollen bereits beiseite gelegter Fragen, und eine dieser Fragen – vielleicht sogar die eine – ließ sich im Laufe der letzten zwei Jahre in so spannendem Ausmaß diskutieren wie noch nie zuvor: Was ist eigentlich Star Wars? Für die Errichtung des Prangers, an dem die Prequels ihre peinlich gründliche Abtastung auf jede Schwäche und jede noch so kleine Ungereimtheit erfuhren, war das Stellen dieser Frage unabdingbar – und so simpel eine Antwort auch zu sein scheint, die Tatsache, dass wir sie im Jahr 40 nach dem Erscheinen des ersten Films noch diskutieren, gibt Auskunft über ihre ausgesprochen komplexe Natur. Komplex allein schon deswegen, weil nicht klar ist, wer über ihre Antwort eigentlich zu bestimmen hat. Etwa die Fans, die Star Wars zu gleichen Teilen lieben und hassen? Die die Filme unzählige Male und auf zig verschiedene Weisen auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt haben? Oder doch nur der Schöpfer alleine, der mithilfe von Gungans und Greenscreens die gängige Vorstellung davon, was Star Wars zu Star Wars macht, in Frage stellte.

„The first conversations you have are always about what makes something feel like Star Wars“, verrät Rian Johnson in einem Video, in dem es um das Erschaffen neuer Welten geht. Das Video nimmt einen Moment des Films voraus, in dem ein Mitglied des Widerstandes auf dem Planeten Crait aus einem Schützengraben heraustritt und mit jedem Schritt blutrote Schuhabdrücke in der weißen Salzwüste hinterlässt. Scheinbar nicht grundlos befinden sich der Widerstand und die Erste Ordnung hier in einer Situation, in der Echos des Franchise-Lieblings The Empire Strikes Back in der Luft hängen. Unter der weißen Oberfläche von Crait, für den sehr offensichtlich Eisplanet Hoth Pate stand, befindet sich roter Sand, der später von den über ihn hinwegfliegenden Raumschiffen aufgewirbelt wird. Hier handelt es sich um einen visuell aufregenden, aber letztendlich auch sehr dürftigen Versuch, diesem sehr vertraut wirkenden Szenario irgendetwas Neues abzugewinnen. Die Sequenz steht auch exemplarisch dafür ein, was wir auf die Frage „Was ist Star Wars?“ im Jahr 2017 antworten können – nämlich dass Star Wars nur noch ein schales Arrangement seiner vielen Teilelemente ist.

Denn visuell wie erzählerisch schöpft Johnson fast nur aus den bereits existierenden Beständen. Der 1977 von George Lucas ausgerufene Krieg der Sterne war schon immer ein mash-up; ein pulpiges Konglomerat aus Sci-Fi-, Fantasy- und Märchenmotiven. Und dieser Idee blieb Lucas mit seiner Prequel-Trilogie treu; entlehnte gestalterische Motive aus Blade Runner und ikonische Bilder aus The Searchers, ließ verschiedene Stile und Genreelemente miteinander kollidieren und verschmelzen. Star Wars klaut sich seine Welten zusammen, und das schon seit Beginn an. Nur von sich selbst zu klauen, das war eigentlich nie so richtig nötig gewesen. Zumindest nicht bis die Kontrolle über etwaige Fortsetzungen Kathleen Kennedy in die Hände fiel, die sich einer gewaltigen Schar zähnefletschender Fans gegenüber sah. So beherzt Rian Johnson dagegen halten mag (etwa mit einer Liste an Filmen, die The Last Jedi inspiriert haben), auch sein Eintrag ins Star-Wars-Universum fühlt sich nur wie ein Remix vieler bekannter Star-Wars-Elemente an, wie ein ödes Kino des Knöpfedrückens.

Aber war genau das nicht zu erwarten? Dass es sich bei The Force Awakens nur um einen versöhnlichen Neuanfang handelt, der die zornigen Fans umgarnt, ehe dann die Folgeabenteuer wieder große Risiken eingehen dürfen, hat vermutlich niemand wirklich geglaubt – wie auch, wenn J.J. Abrams und Lawrence Kasdan mit ihrem Epilog nur die Weichen für die bereits erzählte Geschichte von The Empire Strikes Back gestellt haben? Doch hier gilt es Einhalt zu gebieten, denn auch wenn die zwischen Stillstand und Hetzjagd aufgezogene Erzählstruktur von The Last Jedi sehr an The Empire Strikes Back erinnert, werden dementsprechend an ihn gestellte Erwartungen wiederholt unterlaufen. Aber auch freigemacht von diesen selbst auferlegten Franchise-Strukturen, also durch die Augen eines „Star Wars“-unerprobten Zuschauers, läuft der Film zu keinem Zeitpunkt richtig rund. Immer wieder hält er sich mit uninteressanten Nebensächlichkeiten an uninteressanten Nebenschauplätzen auf (zum Beispiel mit einem Putschversuch innerhalb des Widerstands, der nirgendwo hinführt) und bewegt sich so trotz der stetigen Kette von Ereignissen nur sehr schleppend voran. Über jedem bunten Bild liegt ein trübender Graufilter, und die überraschenden Wendungen mögen zwar überraschen, sind auf einer erzählerischen Ebene aber kaum befriedigend. Das Ärgerlichste aber ist: Star Wars scheint nun unter dem gleichen Humor-Problem zu leiden wie die Filme des Marvel Cinematic Universe.

Humor war schon immer Teil des Star-Wars-Universums, mehr als die Verächter der teils sehr albernen Prequel-Teile wahrscheinlich zugeben möchten. Nie aber opferten die Filme das Gewicht ihrer ernsthaften und aufrichtigen Momente für diesen Humor, zumindest nicht die der Original-Trilogie (an denen die neuen Teile ja bekanntlich kleben). Genau wie James Gunn oder Taika Waititi ihren Marvel-Helden keinen ruhigen, ernsten oder tragischen Moment mehr gönnen, flüchtet sich Johnson in The Last Jedi immer wieder in Ironie, um gefühlt jeden zweiten nicht-komödiantischen Moment in Humor aufzulösen. Zu verachten ist so ein Bruch nicht per se, aber wie vielen schönen Momenten hier der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist wirklich sehr bedauerlich. Allgemein fehlt Johnsons Regiehandwerk eine richtige Kontur – der umständlich eingefädelte Subplot um den Casino-Planeten Canto Bight beginnt irgendwann sogar aktiv zu langweilen – und auch im Finale fehlt ihm das Gespür für die Größe und Erhabenheit diverser Momente, die immer schon vorbei sind, bevor sie richtig zu wirken begonnen haben. Sie verflüchtigen sich, weil sie zu routiniert, fast beiläufig in Szene gesetzt werden.

Genau wie vor zwei Jahren blieb ich mit dem Einsetzen das Abspanns mehr resigniert als enttäuscht zurück. Diese große Aufregung, die sehnlichst herbeigewünschten Trailer, die immerzu brodelnde Gerüchteküche – am Ende steht doch wieder nur ein Film, den ich weder liebe noch hasse. Mit dessen Vision ich mich nicht anfreunden kann, aber der trotzdem noch ein Level der Kompetenz erreicht, das es unmöglich macht, ihn vollends zu verdammen. Da gibt es genug Momente der Wiedersehensfreude, die das mitsamt Kapuzenmänteln und Spielzeugschwertern herangezogene Publikum in Ekstase zu versetzen wissen. Zu hassen gibt es an Star Wars weiterhin nichts. Aber angesichts der inhaltlichen, vor allem aber emotionalen Leere der bisherigen zwei Saga-Filme anscheinend auch nicht mehr sehr viel zu mögen. In meiner Kritik zu The Force Awakens schrieb ich: „Wenn der Blick des Star-Wars-Franchise auch weiterhin so auf der Vergangenheit liegt, kann das für die Zukunft eigentlich nichts Gutes verheißen.“ Diese Zukunft ist jetzt. Und sie ist genau so trist wie befürchtet.

Kinostart: 14.12.2017

Beitragsbild: © Disney & Lucasfilm Ltd.

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