Star Wars: Das Erwachen der Macht (2015)

„Again, it’s like poetry, so that they rhyme. Every stanza kind of rhymes with the last one. Hopefully it will work.“ So sprach Star Wars-Schöpfer George Lucas während der Produktion von Episode I – Eine dunkle Bedrohung, dem Film, mit dem er die im Kino-Olymp verankerte Science-Fiction-Trilogie um einen ersten Prequel-Teil erweiterte und vielen Fans das enttäuschendste Kinoerlebnis aller Zeiten bescherte: Stundenlang in Schlangen gestanden, tagelang vor dem Kino gezeltet und jahrelang auf einen weiteren Star Wars-Film gewartet hatten sie, aber statt sand- und staubverkrustetem Metall sahen sie auf Hochglanz polierte Senatssäle, gesprochen wurde nicht mehr über das böse Imperium und die gute Rebellion, sondern über den Galaktischen Senat und die Handelsföderation – und zu guter Letzt entmystifizierte Lucas durch Midi-Chlorianer auch noch die „Macht“ selbst. Star Wars war nach jahrelanger Pause wieder da – und doch irgendwie nicht.

Die Vision dieser Prequel-Trilogie, die George Lucas in Angriff der Klonkrieger und Die Rache der Sith fortsetzte, fand und findet bei Fans keinen Anklang – das intrigante politische Geflecht, ausgebreitet im kitschigen Inszenier- und Erzählgestus einer Seifenoper, ist nicht das Star Wars, das Fans seit dem tränenreichen Leinwandabschied im Jahr 1983 wieder auferstehen sehen wollen. Dass Lucas nach der Ankündigung eines siebten Films bekanntgab nicht am kreativen Prozess beteiligt zu sein, da seine Ideen von Disney abgelehnt wurden, gab Verächtern der Prequels Grund zum Aufatmen – und macht die Bühne frei für Star Wars: Das Erwachen der Macht, den von J. J. Abrams inszenierten, siebten Star Wars-Film, der mehrere Jahrzehnte nach den Ereignissen von Die Rückkehr der Jedi-Ritter einsetzt und bereits in seiner Werbekampagne einen überdeutlich nostalgischen Ton anschlug: Zurück zum Alten!

Natürlich ist dieses Vorhaben kein verwerfliches, schließlich gilt es für die Filmemacher nach der weltweiten Empörung über die Prequel-Trilogie wieder einiges ins rechte Licht zu rücken und den Fans das zu geben, was sie 1999 sehen wollten und nicht bekamen. Nun hat George Lucas das große Pech, dass der überwiegende Teil seiner Prequels immens schlecht ist und damit absolut unvorteilhaft als verteidigendes Argument für das durchaus ambitionierte Vorhaben an sich. Denn Das Erwachen der Macht beweist, dass Star Wars nicht darunter leiden sollte, Jahre später neu erfunden zu werden – eine frische, eigene Vision ist es sogar, was Fans begrüßen müssten. Lucas‘ Vision, so interessant sie war, scheiterte am Faible des Auteurs für albernen Gaga-Humor und seelenloses Effektspektakel – Abrams hingegen leistet genau wie bei seinen vorigen Filmen nur die Arbeit eines Erfüllungsgehilfen und imitiert das Gewesene, ohne dabei jemals seine eigene Handschrift (wenn er denn eine hat) in das Franchise zu übersetzen.

Dass das Publikum für ein weiteres Neuerfinden des Star Wars-Mythos nach der brutalen Enttäuschung von Episode 1 nicht bereit ist, mag für diese artige Rekonstruktion vergangener Tage sprechen – aber sie hat es Abrams und Drehbuchautor Lawrence Kasdan auch erlaubt, nie aus der Komfortzone des wohligen Fanservice zu treten und ihrer Geschichte beinahe schamlos keinen einzigen Tropfen Originalität beizumischen. Hier, so scheint es, wurde George Lucas doch noch erhört, denn Das Erwachen der Macht reimt sich auf den 1977 erschienenen Star Wars, teilweise bis in kleinste Plot-Details und Kamera-Einstellungen hinein. Wenig Frische geht diesen Bildern und ihrer Geschichte einher, hat man doch stets das Gefühl, sie aus demselben Universum bereits zu kennen. Diese Flucht in die Vergangenheit, mit all ihren Wiederholungen und ihrem Augenzwinkern, ist nicht per se etwas Schlechtes, aber dass hier so engstirnig (scheinbar angsterfüllt) an der bewährten Star Wars-Erfolgsformel festgehalten wird, ist im Rahmen der Möglichkeiten äußerst bedauerlich.

Bedauerlich ist es auch, dass Das Erwachen der Macht über diese rein formellen Unannehmlichkeiten einige Probleme hat. So findet der Film trotz herausragender Einzelszenen nie zu einem stimmigen Rhythmus und hat es zwischen seinen Plot-Stationen oft viel zu eilig – so eilig sogar, dass er hin und wieder zu einfache Lösungen für zu schwierige Probleme aus dem Hut zieht. Dass Abrams von all den Problemen, die seine vorige Regiearbeit Star Trek Into Darkness hatte, ausgerechnet den fahrig erzählten Plot in seinen Star Wars-Film übernimmt, ist sehr enttäuschend. Auch emotional entwickelt der Film leider nie ganz die Resonanz, die er hätte haben können – höchstens ein nostalgisches Wiedersehen mit alten Bekannten wird dem einen oder anderen Fan vielleicht eine Träne der Rührung entlocken können.

Deswegen zu sagen Das Erwachen der Macht sei ein gänzlich misslungener Film, ist allerdings genau so unfair wie unrichtig. Denn wo Schatten sind, ist auch immer Licht. Wie die beiden Star Trek-Abenteuer bewiesen haben, ist Charakterdynamik weiterhin vielleicht die größte Stärke von J. J. Abrams. Im Gegensatz zur Geschichte fühlen sich die Charakterentwicklungen der Hauptprotagonisten sauber erzählt und stets nachvollziehbar an. Rey und Finn treten in große Fußstapfen, aber dank der bezaubernden Leistungen von Daisy Ridley und John Boyega beschwören sie mit ihren Darbietungen schon bald den urigen Star Wars-Geist herauf: Das Hauptdarsteller-Pärchen ist tapfer, aufrichtig und hat das Herz am richtigen Fleck. Harrison Ford sieht noch immer so aus, als wäre er vor zehn Jahren gestorben und der Tod hätte bis jetzt noch nicht den Mut gehabt, es ihm zu sagen (weil das Gespräch vermutlich so ablaufen würde), aber Han Solo und Chewbacca bekommen ein großartiges Comeback beschert, das genau so würdig wie witzreich ist.

Wenn es um groteske Aliens und Kreaturen aus dem hintersten Winkel der Galaxis geht, setzen Abrams und sein Team glücklicherweise wieder auf Masken und Kostüme, lediglich bei zwei mehr präsenten Figuren auf Motion-Capture (was ziemlich befremdlich ist, stecken doch hinter beiden digitalen Gesichtern talentierte Darsteller). Die wilden Raumschiff-Verfolgungsjagden entwickeln mit 3D-Tiefeneffekt und nahezu perfekten CGI eine enorme Bildpracht (wenngleich ihre Inszenierung seltsam kalt lässt) und beim finalen Lichtschwert-Kampf findet Abrams die optimale Mitte zwischen Prequel und Original – die brennende Hitze der Laserklingen ist spürbarer denn je, und obwohl eine teils elegante Choreographie zu erkennen ist, wohnt dem Kampf eine rohe, physische Kraft inne. Zu schade, dass der Film erzählerisch zu unsauber auf diesen Moment hinarbeitet und er ein wenig antiklimatisch wirkt – gerade da Bösewicht Kylo Ren (genau wie vieles andere im Film) nicht genügend Set-Up erhält und der Film viele Ausformulierungen faul auf Fortsetzungen verschiebt.

In seiner Gänze ist Star Wars: Das Erwachen der Macht weit entfernt von der horrenden Prequel-Enttäuschungsgewalt – dieser Film wird viele Fans glücklich machen und daran ist soweit nichts verwerflich. Die Macht ist erwacht, ohne Zweifel. Sich vom trügerischen Fanboy-Nebel blenden zu lassen, wäre aber unsinnig, denn zugleich ist der Film durchzogen von problematischen Adern, die sich unter der Führung von zukünftigen Regisseuren noch weiter zu verästeln drohen. Genau so oft wie der Film zum Szenenapplaus lädt, reißt er den Traum von einem perfekten Film auch wieder ein – denn mehr als okay ist das Endergebnis nicht. Und das Schlussbild kann auf einer noch so wundervollen Note in den Abspann überleiten, wenn der Blick des Star Wars-Franchise auch weiterhin so auf der Vergangenheit liegt, kann das für die Zukunft eigentlich nichts Gutes verheißen.

Kinostart: 17.12.2015

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