Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind (2016)

Es handelte sich von Anfang an um ein kritisch beäugtes Unterfangen: J.K. Rowlings schier unerschöpflich fantasievolle wizarding world, die uns sieben Bücher und acht Filme um Zauberlehrling Harry Potter bescherte, soll auf die Kinoleinwände zurückkehren – trotz vehementer Beteuerungen seitens der Autorin, mit dem Universum abgeschlossen zu haben. Nicht aber eine Fortsetzung sollte es werden (die wird zurzeit auf Londoner Theaterbühnen aufgeführt und ist im Buchhandel ihres Vertrauens erhältlich), sondern ein Prequel – im Alleingang geschrieben von Rowling selbst und inszeniert von David Yates, der bereits die letzten vier Potter-Filme stemmte. Fantastic Beasts and Where to Find Them – so der Titel eines kleinen, dünnen Büchleins zum Nachschlagen fantastischer Zauberwesen, das 2009 veröffentlicht wurde – wird zum Kinoabenteuer. Erst sollte es eine Trilogie werden, mittlerweile nun ganze fünf Filme. Diese Pläne erklären die ursprüngliche Ankündigung, mit dem Potter-Universum fertig zu sein, nicht einfach nur für ungültig, der Gestank von ungesundem Franchise-Größenwahn liegt plötzlich in der Luft.

Von diesem im Kinojahr 2016 genug zu haben, ist in Anbetracht der bis ins gefühlt nächste Jahrhundert durchgeplanten Marvel- und mittlerweile nun leider auch Star Wars-Filme absolut legitim – aber macht diesen ersten Beitrag zur Fantastic Beasts…-Reihe natürlich auch nicht automatisch zur seelenlosen Fließbandproduktion. David Yates war es schließlich, der die Potter-Reihe einst mit einer zielgerichteten, aber doch stets experimentellen Kurskorrektur in atmosphärische Tiefen und dadurch qualitative Höhen katapultierte. Von Terroranschlägen erschüttert lag die Zaubererwelt unter ihm im Ruin, so finster und poetisch wie aktuelle Young-Adult-Regisseure nicht zu träumen wagen. Yates‘ kluger, einfühlsamer Umgang mit seinen Figuren, gerade dem Protagonisten-Trio, war es erst, was den Fans einen so versöhnlichen Abschluss mit ihren Helden und Heldinnen ermöglichte – ein Abschluss, deren erkaltete Glut nun neu entfacht werden soll.

Dieser Fantastic Beasts… hat den Potter-Filmen gegenüber den Vorteil, keiner Buchvorlage gerecht werden zu müssen – dies ist eine neue, unbekannte Geschichte, von der sich alle Fans gleichermaßen überraschen lassen dürfen. Dass es von diesen Überraschungen nicht allzu viele gibt, ist also das erste und vielleicht schwerwiegendste Problem des Films. Die erzählerische Dichte von Steve Kloves‘ adaptierten Drehbüchern geht Fantastic Beasts…abhanden, auch wenn J.K. Rowling reichlich bemüht ist, ihren Plot an allen Ecken und Enden mit Bedeutung aufzuladen. Was die Trailer suggerierten, erinnerte im unangenehmen Sinne an das 2016’er Kulturphänomen Pokémon Go: eine Reihe magischer Wesen entfleucht dem Koffer des jungen Zauberers Newt Scamander kurz nach seiner Ankunft in New York und muss nach und nach wieder eingefangen werden. Natürlich ist eine solche Prämisse nicht ergiebig genug, um einen Film wie diesen zu tragen – geschweige denn vier Fortsetzungen! – und so geht es hier um mehr als vorab gedacht.

Ähnlich wie sich Peter Jackson, Fran Walsh und Philippa Boyens nicht mit der simplen Abenteuerreise ihres kleinen Hobbits begnügten und seine Quest kurzerhand zu einem Kampf um das Schicksal der ganzen Welt umdeuteten, möchte Rowling in Fantastic Beasts… nicht nur ein paar entflohene Kreaturen jagen, sondern von tausend anderen Dingen erzählen. Etwa von Gellert Grindelwald, dem diabolischen Zaubererschurken, der (wie uns eine Exposition-Szene aus aneinandergereihten Zeitungsartikeln zu Anfang verrät) mit Terroranschlägen die Welt in Angst und Schrecken versetzt. Von einem schleimigen Zeitungsmagnaten (Trump-Supporter Jon Voight, in der vermutlich ironischsten Besetzung des Jahres) und seinen zwei Söhnen – einer, der Senator werden und einer, der sich nur seinem Vater beweisen möchte. Von einer fanatischen Hexenhasserin, die ihr Dutzend adoptierter Kinder misshandelt und zur Anti-Zauberer-Propaganda instrumentalisiert. J.K. Rowling entwirft hier Konflikte und Charaktere für die Zukunft des Franchise, nicht für den Film selbst – letzterer wirkt durch sie lediglich unentschieden und überfrachtet.

Denn mit der Jagd der phantastischen Tierwesen wollen beinahe alle diese Subplots bis zum großen Finale nichts zu tun haben; sie verlaufen parallel zum titelgebenden Handlungsstrang ohne je mit ihm zu kommunizieren. Das wird besonders dann unangenehm, wenn sie tonal nicht unterschiedlicher sein könnten – bei der Suche nach den Kreaturen geht es so albern und leichtherzig zu wie zu Zeiten von Chris Columbus, alle Szenen mit dem von Ezra Miller gespielten Credence Barebone stehen im Geiste der düsteren Horrorvision, die Yates in seinen letzten Einträgen heraufbeschwörte. Zählen kann Fantastic Beasts… dabei nur auf seine charismatische Besetzung: Eddie Redmayne beim tränenfeuchten Dauerblinzeln zuzusehen mag zwar immer noch etwas unangenehm sein, aber er fügt sich dennoch sehr gut in Rowlings Welt ein. Dasselbe gilt für Katherine Waterston, Ezra Miller, Colin Farrell und Dan Fogler; letzterer vermutlich der einzige Grund, sich auf den unvermeidlichen zweiten Teil wenigstens ein bisschen zu freuen.

Eine erneute Klarstellung scheint angebracht: Fantastic Beasts and Where to Find Them ist nicht Harry Potter und sucht bis auf einen kleinen musical cue zu Anfang auch glücklicherweise nicht krampfhaft den Bezug dazu. In Stil, Energie und Ton hat dieser Film absolut das Recht, sich von der Potter-Reihe zu emanzipieren – und das tut er auch, nur bemüht er sich dabei so krampfhaft um Relevanz, dass die erzählte Geschichte am Ende weder besonders vergnüglich noch besonders mitreißend ist – sondern nur sehr belanglos. Auch der Blick in die Zukunft erscheint trist, denn dieser Geschichte (und den vielen kleineren Geschichten, die sie beherbergt) werden die emotional tief verwurzelten Anknüpfpunkte einer ganzen Generation fehlen. Es bleibt abzuwarten, wie viele Newt Scamander und seinen Freunden in weitere Filme folgen werden – und was J.K. Rowling für die Zukunft dieses auch mir so teuren Universums bereithält. Auf den ersten Ausflug der phantastischen Tierwesen hätte ich zumindest ohne Weiteres verzichten können.

Kinostart: 17.11.2016

Beitragsbild: © Warner Bros.

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