Midnight Special (2016)

Dem erklärwütigen Gegenwartskino trotzt Jeff Nichols, in dem er konsequent an den großen Antworten vorbeierzählt; sie quasi von vorneherein ausschließt und die dementsprechenden Fragen überhaupt nicht stellt. Midnight Special ist der kleine Teil einer großen Geschichte, die wiederum Teil eines noch viel größeren Universums zu sein scheint. Nichols aber ist einmal mehr nicht am behaupteten Fokus seines Films interessiert (hier: der Science-Fiction-Einschlag), sondern bildet lediglich die dort eingebettete Familiengeschichte in Form eines sensiblen Dramas ab – zwischen Vater Roy (ganz stark: Michael Shannon), Mutter Sarah (Kirsten Dunst) und Sohnemann Alton (Jaeden Lieberher).

Und dennoch pulsiert dieser Film und beschwört bereits mit seiner Titeleinblendung eine einlullend dichte Atmosphäre herauf. Die Handlung setzt inmitten der Geschichte ein (und wird, ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, auch ähnlich enden) und wirft den Zuschauer ohne weitere Erklärungen direkt ins Geschehen. Nichols nimmt sein Publikum nicht an der Hand, er lässt es gezielt nach und nach mehr Details herausfinden – immer genug, so dass man nicht zu frustriert im Dunkeln tappt, aber nie genug, um die Geschichte mit einem Schlag zu entmystifizieren. Die so erzeugte Atmosphäre ist stets konzentriert, dabei aber nie angestrengt.

Das Darsteller-Ensemble gibt sich hingebungsvoll, besonders aber die Chemie zwischen Vater und Sohn stimmt. Die dem Film innewohnende Emotionalität wird von Nichols behutsam ausgespielt, die großen Gefühlsausbrüche bleiben aber leider aus. Die emotionale Resonanz von Take Shelter erreicht Midnight Special nie, wirklich daran interessiert scheint er aber auch nicht zu sein. Optisch bewegt sich der Film dabei immer wieder am tristen Zukunftsentwurf von Rian Johnsons Looper, nur um dann am Ende Flashbacks zu Tomorrowland heraufzubeschwören – um nur in wenigen Momenten ebenjenen sense of wonder zu entfesseln, der dem Disney-Flop so schmerzhaft abhanden ging.

Es ist zudem erfrischend einen Film im Kino zu sehen, der großen Marketing-Spoilern im Voraus ausgewichen ist und die Möglichkeit hat, sein Publikum zu überraschen. Ich suche den Vergleich zu Christopher Nolans Interstellar, der das im Kino zuletzt geschafft hat. Nolan und Nichols unterscheidet aber ein wichtiger Punkt: Wo der gescheitelte Brite und sein Faible für Exposition der ganz großen Kinomagie oft im Weg steht, vertraut Nichols den nicht minder beeindruckenden Bildern, die er auf die Leinwand projiziert. Er vertraut ihrer erzählerischen Kraft und außerdem seinem Publikum, sich mit dieser unkonventionellen Form der Erzählung zurechtzufinden. Dass Midnight Special emotional dabei etwas unterentwickelt bleibt und erzählerisch nicht ganz unproblematisch ist, möchte man beinahe verzeihen.

Kinostart: 18.02.2016

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