Lights Out (2016)

Originelle Horrorfilme sind, obgleich seltener im Auftreten, noch nicht gänzlich ausgestorben: Mit Vertretern wie The BabadookIt Follows oder The Witch hat sich eine kleine Sparte für Regisseure und Autoren geöffnet, die mehr als nur durch den amerikanischen Familienhaushalt spuken wollen, sondern sich das Potential des mittlerweile vielerorts verschrienen Genres zunutze machen, einen Schritt ins Surreale wagen oder den Horror als metaphorisches Stilmittel nutzen, um tatsächlich noch etwas über Menschen und nicht nur über gruselige Geisterfratzen zu erzählen. Full disclosure: Nicht alle der genannten Filme haben mir zwangsweise gefallen, aber ich empfange sie trotzdem stets mit offenen Armen – eben weil sie immerhin etwas versuchen.

Der Horrorkurzfilm Lights Out, den Regisseur David F. Sandberg bei einem Wettbewerb einreichte, beweist nicht unbedingt seine Originalität. Mit der spaßigen Idee eines Monsters, das nur im Dunkeln existiert und dem schaurigen Schlussbild, das Sandberg ganz ohne lautes Geräusch wirken lässt, zeigt sich dafür aber großes Potential in seinen inszenatorischen Handgriffen. Nachdem er nun unter anderen von Produzent James Wan die Chance bekam, seinen Short zum Kinofilm aufzublasen, war meine Angst groß (und berechtigt), dass er seinen Stil zugunsten des höheren Budgets und den meist daran gekoppelten Größenwahns aufgeben würde. Das zwiespältige Ergebnis: die auf 81 Minuten gestreckte Fassung von Lights Out bestätigt und entkräftet diese Befürchtung gleichermaßen.

In seinen blödesten Momenten, wenn Charaktere von imaginären Kräften durch die Luft gezerrt werden oder ohrenbetäubende Klaviertasten dem Zuschauer Grusel einzuhämmern versuchen, ist Lights Out nicht besser als der zurzeit laufende The Conjuring 2, letzterer ein mustergültiges Beispiel dafür, wie pervertiert die Vorstellungen des Publikums von Horror heutzutage sind. Es wäre vermutlich einfacher diesen Umstand mit einem enttäuschten Schulterzucken abzutun, würde Lights Out in seinen besten Momenten nicht ein Film im Geiste der oben genannten Beispiele sein. Ein Film, in dem gruselige Monster nicht nur zugunsten des nächsten Jump-Scares existieren, sondern eine thematische Gewichtung haben: das Monster aus der Dunkelheit ist unter Sandberg die Manifestation der Depressionen von Familienmutter Sophie (Maria Bello).

Dieser Ansatz lässt einen sehr viel clevereren, mutigeren Film erahnen, der Lights Out in seinen besten Momenten tatsächlich ist. Der ganz einfache Beweis: die in dieser Hinsicht klügste Szene ist gleichzeitig auch die gruseligste des ganzen Films. Wenn bei einem gemeinsamen Filmabend zwischen Mutter und Sohn für einen kurzen Moment alles versöhnlich scheint, ehe sich das Monster Depression wie unfreiwillig in ihre Mitte drängt und die Stimmung wortwörtlich verfinstert, inszeniert Sandberg nicht nur eine nervenzerfetzende Suspense-Szene, sondern verknüpft auch spielerisch die oberflächliche Erzählebene mit der metaphorischen. Die Idee und deren Umsetzung scheint in Einzelszenen immer wieder höllisch spannend durch, leider aber erdet und entmystifiziert sich der Film durch generische Erklärungen rasch selbst, ehe er das Publikum intellektuell noch zu sehr herausfordert.

Denn vorrangig muss Lights Out immer noch als Crowdpleaser funktionieren und die dürfen schließlich nicht unkonventionell sein, dürfen keine waghalsigen erzählerischen Wege einschlagen und müssen dem Zuschauer bis ins letzte Detail ausbuchstabiert werden. Dieser generische Unterbau ruiniert die wenigen thematischen Ansätze des Films und lässt das Gerüst an sich zusammenbrechen – können die Einzelszenen aber eben auch nicht ungeschehen machen. Beim Kreieren spannender, gruseliger, manchmal sogar dramatischer oder komischer Momente überzeugt Sandberg weiterhin mit schönen Regieeinfällen. Die Charaktere sind derweil sympathischer und authentischer als zu erwarten gewesen wäre – was aber auch am spielfreudigen Ensembles liegen dürfte.

Wer sich den Kurzfilm Lights Out anschauen möchte, bevor er die längere Fassung sieht – und dazu möchte ich trotz der ärgerlichen Schwächen raten – der kann das übrigens auf Youtube tun.

Kinostart: 04.08.2016

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