Godzilla II: King of the Monsters (2019)

Schon der von Charlie Hunnam gespielte Protagonist aus Guillermo del Toros Pacific Rim durfte sich in den Anfangsmomenten seines Films darüber wundern, dass uns der Gedanke an überirdisches Leben immer zu den Sternen hinaufblicken ließ, nie aber nach unten. In seinem Film entsteigen die Monster einem Dimensionstor in den Tiefen des Ozeans. In den bisherigen Beiträgen des sogenannten MonsterVerse schläft die Bedrohung, die wir von außen fürchten, gar längst zu unseren Füßen; in Gletscherspalten, Vulkankratern und unterirdischen Höhlen. Beim Kampf dieser Götter einer vergangenen Zeit, die aus ihrem Jahrhundertschlaf erwacht sind, haben wir nichts mehr mitzureden. Gareth Edwards hatte das verstanden. Er drehte 2014 einen klugen Film darüber, wie wenig der Mensch im Monsterfilm eigentlich zu suchen hat. Darüber, wie das Hollywoodkino uns einen ökologischen und emotionalen Egozentrismus anerzogen hat, der sich selbst von atomaren Riesenechsen nicht kleinkriegen lässt.

In das apokalyptische Finale dieser Geschichte, aus dem der Mensch noch bewusst verbannt wurde, kehrt Godzilla: King of the Monsters von Michael Dougherty (Krampus) gleich zu Anfang zurück. Ein Hochhaus wird von dem kämpfenden Kaiju eingerissen, Dr. Emma Russell (Vera Farmiga) und Mark Russell (Kyle Chandler) stehen mit tränennassen Gesichtern zwischen den Trümmern. Ein Kind ist gestorben. Der Retter, zu dem Godzilla am Ende des ersten Films mit Beifall und Jubelschreien ausgerufen wurde, entpuppt sich rückblickend doch nur als unbarmherzige Naturgewalt, als falscher Gott. Doughertys Film lässt die Ironie seines Vorgängers sogleich hinter sich, und führt seine Figuren in die moralische Megalomanie, die uns die Ankunft gottgleicher Märtyrer scheinbar immer aufzwingt. Und über die am Ende, so zumindest die reichlich banale These des Films, nur die Familie triumphieren kann. Dieser Humanismus liest sich wie eine direkte Antwort auf Edwards‘ ungeheuer spöttischen Film.

Dougherty und Co-Autor Zach Shields integrieren den zuvor ausgeklammerten Menschen wieder in die Formel. In ihrem Drehbuch dürfen eingerahmte Familienfotos herunterfallen und entfremdete Väter die Rettung ihrer Kinder selbst in die Hand nehmen. Über das Spielberg’sche Familienmodell hinaus wird der menschliche Beitrag zum Monstergezänk vom Film vor allem militaristisch gedacht. Kampfjets werden von Krallenhänden nicht länger aus dem Bild gewischt, sondern erscheinen in einer besonders unsinnigen Einstellung als persönliche Armee des titelgebenden Kaijus, die in Formation hinter ihm aufzieht und todbringend den Himmel verdunkelt. Das Monster, das vom japanischen Kino zum Hiroshima-Sinnbild, und damit zum fleischgewordenen Trauma einer ganzen Nation wurde, darf hier an der Spitze amerikanischer Kavallerie in den Krieg ziehen. Für die Menschheit, für die Familie. Auch die Bedrohung des Kinos, die wir von außen fürchten, lauert innen. Der totgeglaubte Katastrophenfilm lebt und speit wieder Feuer.

In Doughertys kämpfen aber nicht nur Monster, sondern auch zwei Filme gegeneinander. Die in Kommandozentralen und wissenschaftlichen Einrichtungen eingepferchten Menschenfiguren müssen besorgt ihre Stirnen in Falten legen, Sprüche klopfen, und immer wieder den Film erklären. Auch die unzähligen staunenden Gesichter, die Dougherty inszeniert, erinnern an Spielberg. In Verzückung versetzen tut er mit seinen endlosen Expositionsdialogen, die kein Bild und keine Story-Wendung unkommentiert lassen können, aber am ehesten Roland Emmerich. Dieser Enge und Erklärwut begegnet dann außerhalb nur noch der Exzess. Man meint, manche Bilder wären tatsächlich aus den antiken Tempeln abgemalt, die im Film tief im Meer versunken sind und von der längst in Vergessenheit geratenen Mythologie der Monster zeugen. Der dreiköpfige Drache King Ghidorah breitet seine Flügel aus und die Kinoleinwand versteht es als ihre Pflicht, auch die letzte Schuppenspitze nicht aus dem Bildrand ragen zu lassen.

Während der zahlreichen Monsterkämpfe wirkt aus der Leinwand und den Lautsprechern eine gewaltige Zerstörungskraft in den Kinosaal hinein, als würde das bläuliche Blitzgewitter irgendwann auch über die Zuschauer hereinbrechen. Wolkenkratzer zerbröseln wie Sandkastengebilde, wenn die turmhohen Echsenkörper in ihrer Mitte aufeinandertreffen, und die menschliche Perspektive wird von schierer Desorientierung übermannt. Sich in diesem fluoreszierenden Exzess aus Schrottstaub und pulsierenden Lichtern zu verlieren, ist durchaus eine Option. Doughertys inszenatorisches Konzept, mit dem er sich auch merklich von denen seiner Vorgänger abgrenzt, ist vor allem von einer aggressiven Maßlosigkeit. Damit macht er am Ende weder Spielberg noch Emmerich stolz, sondern am ehesten noch Zack Snyder. Die meisten Parallelen, inhaltlich wie ästhetisch, hat der Film mit dessen biblischen Superheldenepos Batman v Superman: Dawn of Justice.

Die Schneisen der Zerstörung, die der Monsterfilm im Zuge von eifrigem franchise building wieder im kontemporären Blockbusterkino hinterlässt, sind aber eigentlich gar nicht der Rede wert. Godzilla: King of the Monsters ist ein Franchisefilm, der letztendlich auf reichlich ausgetretenen Pfaden wandelt. Der spannende Versuchsanordnung von Figuren, die an ihrer ökologischen Unterlegenheit nicht länger verzweifeln, sondern sich in moralischen Morast begeben und die Natur zu manipulieren versuchen, begegnet der Film nur mit hohlen Knalleffekten und einem vom Vorgängerfilm bereits in den Ruhestand verabschiedeten Loblied auf Familienideale und militaristische Potenz. Von den Umwälzungsprozessen, die in der Schlusseinstellung des Films mit dem ikonischen Brüllen der Ur-Bestie eingeläutet werden, bleibt die Ökonomie des Blockbusterkinos weiterhin unberührt.

Kinostart: 30.05.2019

Beitragsbild: © Warner Bros. / © Legendary Pictures

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