Glass (2019)

Beinahe zwei Jahrzehnte lang hat M. Night Shyamalan sich darauf vorbereitet, seine eigenwillige Auslegung tragischer Superheldenmythen auszuerzählen. Eine Kinolandschaft, die mittlerweile von Spinnen-, Eisen- und Fledermausmännern nahezu beherrscht wird, scheint dieses Vorhaben zu begünstigen, vielleicht hat sie es sogar erst ermöglicht. Zuschauer sind mehr denn je fasziniert von der Mär stählerner Übermenschen, die unbemerkt unter uns weilen und zur Tat schreiten, wenn niemand sonst es wagt (oder vermag). Gottgleiche, aber doch menschelnde Heldenfiguren, die zum Ausleben fragwürdiger Selbstoptimierungsfantasien ermuntern, sind die Ikonen des Gegenwartskinos. Wir haben sie dazu gemacht.

In dieser Flut gelegentlich finsterer, überwiegend aber knallbunter Comicverfilmungen, ist Glass eine Anomalie. Shyamalans Übermenschen (sein Interesse gilt sowohl Helden als auch Schurken) sind Opfer von Missbrauch und Trauma, aus physischem und psychischem Schmerz geboren und darüber definiert. Sie sind gequält von der Ungewissheit ob ihres Platzes und Bedeutung in der Welt, führen kalte und isolierte Leben. Die mindestens gewagte, in der Theorie wohl eher problematische Idee, aus Missbrauchsopfern wortwörtliche Superhelden zu machen, legt den Begriff der Exploitation nahe. Shyamalan beutet die Traumata seiner Figuren durchaus aus, etwa in den vielen, durch Kevin Crumbs (James McAvoy) multiple Persönlichkeitsstörung bedingten Momenten von Humor und Horror. Durchdrungen ist sein Film aber einmal mehr von bedingungsloser Empathie.

Die Idee von reinigenden Heilungsprozessen durch Schmerz wird hier endgültig zur Schurkenideologie, aber auch zur logischen Konsequenz aus dem Denken jener Außenseiter, die sich von ihrer Umwelt verstoßen fühlen. Mit Traumata auf sich allein gestellt zu sein, ist ein Kraftakt, den zu bewältigen in sich schon eine Heldentat bedeutet. Seine schönsten Momente gelingen Glass dahingehend in der Wiedervereinigung von Kevin und Casey (Anya Taylor-Joy, Split). Trost, vielleicht auch Erlösung, scheint in Shyamalans Superheldenuniversum nur zwischen Figuren möglich, die dazu gezwungen sind, im gemeinsamen Schmerz die stärkste menschenmögliche Bindung auszumachen – während die Welt um sie herum, und dort entwickelt der Film seine Vorgänger vielleicht etwas zu überdeutlich weiter, stets nur darum bemüht scheint, sie ihrer wahren Identität zu berauben.

Es ist ein pessimistischer Blick, den Shyamalan hier auf die Welt wirft. Mr. Glass, dem nicht ohne Grund der Titel des finalen Films gehört, schickt sich also an, sie umzukrempeln. Der nicht abbrechenden Superhelden-Faszination des Publikums angemessen, trägt Shyamalan seinen Diskurs auch hin und wieder auf einer Meta-Ebene aus. Die Figuren in Glass wissen um die Klischees, Rollenbilder und Handlungsmuster der Comicbücher, mit deren Hilfe sie die Kraft finden, sich ihrer Identität – und dem eigenen Glauben daran – zu stellen. Dem Akt des selbstreflektiven Erzählens wird damit noch eine prominentere Rolle zugeschrieben als einst in Unbreakable, dehnt sich hier auf ganze Handlungsstränge aus. Natürlich unterläuft Shyamalan diese konkret gestellten Erwartungen in gewohnt eigenwilliger Manier. Sein Superheldenuniversum bleibt sich treu – es glaubt auch noch da an Erdung, wo sich andere längst der Materialschlacht hingegeben hätten.

Dieser sehr handlungsgetriebene, erzählerisch ungemein dichte Film büßt dabei etwas vom schwelgerischen Figureninteresse seiner beiden Vorgänger ein. Shyamalan steuert hier konkret auf etwas zu, seine Charaktere erscheinen dabei zuweilen etwas zu sehr als auf Plot-Funktionalität reduzierte Schachfiguren, die in ihrer eigenen Geschichte am Ende etwas verloren wirken. Als erster und letzter Film dieser Trilogie setzt Glass Vorwissen um seine Figuren zwangsläufig voraus, kracht ohne Weiteres ins Geschehen, ist in gewisser Weise nur noch ein Film für die Fans, die ihm bis zu diesem Punkt bereitwillig gefolgt sind. Schön, dass er sich – vom herbeigesehnten Showdown zwischen seinen Superhelden abgesehen –  dagegen sträubt, abstruse Fan-Erwartungen zu erfüllen.

Die Trailer zu Glass ließen ihrerseits nichts als einen Trailer befürchten, ein zum Finale verklärtes, letztendlich aber doch wieder nur Weichen stellendes Entgleisen von größenwahnsinniger Franchise-Ambition. Der Film lässt etwas aufatmen. Als wisse Shyamalan um die unendlichen Möglichkeiten so eines Filmuniversums, gegen die anzugehen scheinbar vertane Müh‘ ist, lässt er die Pforten zu seiner Welt weit offenstehen, setzt hinter der Geschichte von David Dunn, Elijah Price und Kevin Wendell Crumb aber einen deutlichen Schlusspunkt. Es ist diese filmübergreifende Klammer, das recht konsequente Zu-Ende-Denken, wegen der sich Glass am Ende tatsächlich nach dem Film anfühlt, den Shyamalan all diese Jahre hat machen wollen. Und den er sich, vor allem in Anbetracht dieser nun komplettierten und in ihrer Gesamtheit doch sehr faszinierenden Trilogie, auch irgendwie verdient hat.

Kinostart: 17.01.2019

Beitragsbild: © Universal Pictures

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.