Genrenale4 – 100% Herzblut Cinema

Wenn die Bären wieder die deutsche Hauptstadt schmücken, sich internationale Stars einfinden, und die Filmwelt ihr Auge auf die Berli**** richtet, übersieht man gerne mal, dass sich seit mittlerweile vier Jahren auch ein anderes Festival in die frühe Jahreszeit geschlichen hat. Es brodelt langsam etwas im Untergrund der deutschen Filmlandschaft. Vor einiger Zeit noch, hätte ich von kleinen Perlen wie True Love Ways nur aus der weit entfernten amerikanischen Filmschmiede gehört, doch sie sind hier – die guten deutschen Filme. Und begreift man statt Schweig(höf)er-Kassenklingler gute Filme als Ziel für die Zukunft, so liegt die Zukunft des deutschen Kinos im Genrefilm. Aber ganz im Motto eines Zuschauer der diesjährigen Genrenale, der es während einer Podiumsdiskussion auf den Punkt brachte, möchte ich nun fortfahren: „Ich finde es gut, dass hier jetzt nicht über den deutschen Film geredet wird – darüber kann man viel reden – sondern darüber, was man machen kann“. Denn dafür steht die Genrenale. Denn natürlich ist nicht jeder der 28 gering budgetierten Kurzfilme gut, aber sie zeigen zumindest immer in Ansätzen, was im deutschen Genrefilm steckt. Allein die Vielfalt und Art der behandelten Themen beweist einen unglaublichen Mut. Genauso, wie die rebellische Naivität, mit der unter immensem Gegenwind Projekte finanziert und durchgeprescht wurden. Auf welchem Festival findet man sonst zwischen Horror-Splatter und Sci-Fi einen Film über Amoklauf oder Objektophilie? Die Festivalleiter Paul und Krystof spielten es zwar immer mit einer bescheidenen Ironie herunter, aber der so oft während der beiden Tage zitierte Satz „das wichtigste Filmfestival Deutschlands“ gilt.

Dystopien und Gewaltzyklen

Ich war noch etwas müde, als ich am 17. Februar eine Stunde zu früh vor dem Genrenale-Palast ankam. Der rote Teppich wurde gerade noch verlegt, es war kalt und in der Nähe ist kein verdammter Kiosk für einen Wachmacher-Kaffee. Mein Wunsch, gerade irgendwo anders zu sein, war wahrscheinlich fast genau so groß, wie der des Protagonisten im Eröffnungsfilm der Genrenale4, den ich etwas später im warmen Kinosaal, einem kühlen Getränk und mit dem Notizblock in der Hand ansehen konnte. Here we go.

Heimkehr war der paranoide Ausbruchstraum, der die Realitätsflucht unseres stummen Charakters zeigt. Überfordert und gestresst möchte er aus der Arbeitswelt fliehen und findet sich auf einmal in einer surrealen Traumwelt wieder, in der er versucht, wieder ach Hause zu kommen. Hat aufgrund der aufgeregten, paranoiden Atmosphäre etwas von Aronofskys Pi und nicht nur wegen der Frisur des Hauptdarsteller etwas von Lynchs Eraserhead. Außerdem entstanden durch ein gerade einmal zweiköpfiges Team.

Direkt im Anschluss: ein hochspannendes Projekt. Dystopia wurde von Anfang an in enger Absprache mit der Community entwickelt, die alle Richtungen vorgeben und am Ende auch ihre eigenen Schnittfassungen aus dem Material erstellen durften. Zu sehen bekamen wir zwei Fassungen, die bis auf die Prämisse und das aufwendige Production Design wenig gemeinsam hatten. Erstere gefiel durch den interessanten Konflikt der Hauptfigur, konnte ohne jegliches Tempo oder Dynamik in allen anderen Belangen jedoch nicht mitreißen. Die zweite hat von Anfang an einen besseren Flow. Der Fokus wird komplett auf die Assistentin des nicht-mehr-Protagonisten verschoben, weswegen der Erzählstrang aus der ersten Fassung, der im Kern gleichblieb, spannungstechnisch viel besser funktioniert, da wir ihn aus einer unaufgeklärten Sicht miterleben. Zudem setzt sich Fassung 2 auch mit den Themen auseinander, die einst Blade Runner bearbeitete (Transhumanismus, Gotteskomplexe). Dieses Sci-Fi-Vorbild zitiert Dystopia neben anderen filmischen Referenzen in seiner grandiosen Gestaltung der verregnet-finsteren Außenwelt.

Die Behandlung schilderte den Alltag eines vermeintlichen Anstalts-Patienten und entpuppte sich als Anti-Tierexperimente-Film. Plakativ, aber wirkungsvoll. Last Train Home setzte sich in beklemmender U-Bahnhofs-Atmosphäre mit Gewalt und Schuld(-übertragung) auseinander. Verspielte seine spannenden Stimmung zwischendurch fast etwas mit einer Auflockerung, aber konnte das vor allem mit der, in ihrer perfektionistischen Symmetrie an It Follows erinnernden Kameraführung, wettmachen. Zum Abschluss des ersten Blocks gab es eine nett gemeinten, aber leider schlechte Zombie-Kinder-Komödie Zombriella. Sympathische Idee, dann jedoch auch nicht mehr, als die Zombie-Edition von Schloss Einstein.

Stephan König und Zeitdruck

Sechs Stunden, mehrere Pitches kleiner Filmschaffender im Arri Genre Pitch und 6 1/4 mexikanische Kurzfilme später startete Block 2. Die Adaption des Horror-Märchens, basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte Willa von Stephen King war in seiner Durchschnittlichkeit leider schon eins der Highlights des leider schwachen Blocks. Nachdem sich der gesamte Film in seiner Skurrilität viel zu ernst nimmt bessert sich das Bild aber zum Ende hin etwas. Ein beeindruckender Freeze-Shot und schöner End-Song warten. Der 5-Minütige In the Ruins verwirrte ohne vorhandenen Plot sichtbar viele Zuschauer und setzte dem Ganzen mit der Einblendung des Satze „Eat to live. Don’t live to eat“ noch die Krone auf. Keine Ahnung, was das sollte.

Beim Fantasy Filmfest hätten die Leute geklatscht – ein Kompliment an das coole Genrenale-Publikum also – allerdings ändert dies nichts an der absolut widerlichen Perversität von Der Ausflug. Einem Film, der den Amoklauf an einer Schule rekonstruiert, das Gemetzel in Zeitlupen-Headshots einfängt und den Zuschauer im Spannungsspektakel an der Nase herumführt, nur um beim verkitschten Ende „Basierend auf einer wahren Begebenheit“ einblenden können. Umso erleichternder war es dann, direkt im Anschluss an den Festival-Tiefpunkt Five Minutes vorgesetzt zu bekommen. Eigentlich im Netz als interaktiver Film spielbar muss sich der Hauptprotagonist in der Zombieapokalypse 5 Minuten lang erinnern, was er getan hat, um damit zu testen, ob er sich nach einem Biss selbst zum Untoten verwandeln wird. Das ist spannend, stark gespielt und am Ende sogar etwas emotional. Außerdem sehen die Zombies fantastisch aus.

Spoiler: Kryo gewann am Ende den Preis für den besten Film. Auch wenn mich diese Schlaftablette mit der Frage, ob ein Leben nach dem Tod überhaupt anstrebbar ist, nicht überzeugen konnte, musste ich mich der Mehrzahl meiner Jury-Kollegen beugen. Ich habe auch Respekt vor Kryo. Für gerade einmal 10.000€ wurde ein alter Bunker zur authentisch futuristischen Station umgebaut, aber viel mehr ist da dann nicht mehr. Außerdem hasse ich Avatar langsam für das Lostreten einer Welle von Augenöffner-Enden.

Unterwelten und unterdrückte Sexualität

Der letzte Block des Tage bestand wegen der langen Laufzeit des letzten Films nur aus drei Filmen. Den Anfang bildete ein vergessenswerter Mini-Horrorfilm namens Big Bad Wolf, in dem eine Gruppe Freunde an Halloween […] bla bla bla, am Ende ist ein Kopf ab. Alles andere als vergessenswert war da Hades. Ein tief melancholisches, surreales Kaleidoskop. Ein audiovisuelles Kunstwerk. In Hades muss eine Frau in einem scheinbar endlosen Traum die Flüsse des Hades durchqueren, die in Vergleich mit den Phasen einer Beziehung gesetzt werden.

Der längste Film des Festival und Abschluss des ersten Tages war Cord. Im unangenehm konsequenten Sci-Fi-Drama kann ein Mann den Sexualsinn wiederherstellen. Der Akt, der in dieser nicht näher definierten Welt nur noch als krankhafter Trieb verstanden wird, bildet das, was es in dieser Welt nicht mehr zu geben scheint: zwischenmenschliche Liebe. Interessant, sehr toll gespielt, aber eindeutig zu lang. In den letzten 20 Minuten stellt sich ermüdende Redundanz ein, die vor allem am Ende eines langen Festival-Tages nahezu einschläfernd wirken kann.

Rauschgefühl und Fliegenfallen

Viel zu wenig Schlaf deutlich spürbar in den Knochen, saß ich am zweiten Tag der Genrenale4 wieder im Babylon a.k.a. Genrenale-Palast. Langsam hatte ich schon meinen Stammplatz gefunden von dem aus ich mit Destroy Roy begrüßt wurde. Spannendes Thema: Objektophilie. Bekommt am Anfang mit eingeblendeter Definition sogar noch einen ernsten Überbau, ist am Ende aber doch nur plattes Lustigmachen über Fetische; verwerfliches Ausstellkino. Kuwululu hat zwar einen coolen Namen, ist bis auf ein paar winzige Momente jedoch ein überaus uninteressanter Film. Vom Plot über die Charaktere bis hin zur Optik passt so gut wie nichts.

Unter Ich ist eine kleine Erfahrung von Experimentalfilm. Eine verwirrende, unübersichtliche Erfahrung, die einen am Ende für einige Sekunden in einen audiovisuellen Rauschzustand versetzt. 11 Years trumpfte mit starken Effekten und einer entdeckungswürdigen Sci-Fi-Welt auf, verliert sich aber zu oft im falschen Erzählstrang, der sich nicht einmal mit einem würdigen Pay Off rechtfertigen ließe. Aus München kam mit Venusfliegenfalle zum Schluss eine Art „Mini-Tarantino“, wie Großmeister Uwe Boll es ganz gut zusammenfasste. Dazu ein hochwertiger Look und ein relativ gekonnter Spagat zwischen Torture-Porn und coolem Humor.

Der erste Tropfen Blut

Im Avid Genre Panel wurden furchtbar interessante Diskussionen geführt, sodass man gerne den ganzen Tag zugehört hätte, zügig ging es aber weiter mit dem bereits vorletzten Block. Nach einer Vergewaltigung verarbeitet eine Frau in Michaela diesen schrecklichen Vorfall, indem sie ihre Persönlichkeit spaltet und im metaphorischen Racheakt mit dem Vorfall abschließt. Einige Tropfen Blut fallen im Revenge-Flick First Drop of Blood, der mit cooler Action und gutem Humor-Timing Laune macht. Sogar das anfangs etwas nervige Overacting kitzelt am Ende ein Schmunzeln hervor. Real Buddy war 15 Jahre in Arbeit und es hat sich nicht gelohnt. Der Inbegriff von schlechtem Sci-Fi-TV-Schlock.

Paranoia und Einsamkeit

Da war es schon so weit, der letzte Block stand an. Driven lieferte fesselnden Paranoia-Terror in einer düsteren Atmosphäre, Reborn eher Klischee-Brei und generische Versatzstücke in einer billigen Optik. Asami erinnerte thematisch sehr an Her ohne Diskurs. Geradliniger und pessimistischer zeichnet Asami ein depressives Zukunfts-Porträt der Vereinsamung. Herman the German: hochkarätig besetzter, annehmbarer Klamauk. Und zum krönenden Abschluss holte Jagon die ganz großen Kinobilder heraus. Leider verkommt der Film auch im erzählerischen Mittelteil zum style over substance-Optikgewichse.

Die Preise und bis nächstes Jahr

Bei der Preisverleihung gingen die schicken Trophäen für die Schauspieler verdienterweise an Laura de Boer (Cord) und Kieran Bew (Five Minutes), die beide leider nicht anwesend sein und ihre Preise live entgegennehmen konnten. Auch wenn ich den Preis für den besten Film anders vergeben hätte, bin ich mit Kryo relativ einverstanden, da er das Prinzip der Genrenale gut repräsentiert. Riesig gefreut habe ich mich aber, dass ich meinem persönlichen Favoriten ansagen durfte und Hades den WTF-Preis erhielt. Tele 5 vergab noch den Anti-Mainstream-Preis an Venusfliegenfalle und The Boll, vom Meister persönlich per Videobotschaft angesagt, an Five Minutes, der somit seinen zweiten Preis an diesem Abend einheimste. Uwe zog dann wie gewohnt noch etwas über die Filmlandschaft her und bespaßte das Publikum. Das Beste kommt eben zum Schluss. Für mich bleibt jetzt nur noch zu sagen, wir sehen uns nächstes Jahr!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.