Elliot, der Drache (2016)

Da es kein Gesetz gibt, das dem Kino verbietet, bekannte Geschichten zu erzählen und keines, das uns verbietet, daran Spaß zu haben, frönt die Traumfabrik hin und wieder dem Genuss, bekannte wie beliebte Elemente gar nicht erst neu zu arrangieren sondern in genau der Abfolge aneinanderzureihen, wie wir alle es erwarten würden. Pete’s Dragon (zu Deutsch: Elliot, der Drache) ist so ein Film. Wer den Trailer schaut, wird jede Einstellung, jeden Story-Beat und jede Charaktermotivation bis in ihr letztes Detail voraussehen können. Hier gibt es keine Überraschungen, nur Klischees und deren Abarbeitung in einer beinahe spektakelfreien, sehr klein skalierten Geschichte.

Dass die erzählerische Handgriffe des Drehbuchs nichts Unvorhergesehenes zulassen, raubt dem Film die Chance, über seine Qualitäten hinaus tatsächlich wirklich gut zu sein. Die Geschichte eines zahmen Drachen, der sich einsamen Kindern annimmt (und sie eigentlich wieder verlässt, sobald sie eine Familie gefunden haben – der Teil, den der Film nicht ganz so direkt adressiert wie einst noch die Zeichentrickversion), ist Stoff für ganz großes, quasi revolutionäres Familienkino, das auch irgendwo in dieser Disney-Neuauflage steckt und immer wieder hervorblitzt – etwa in der perfekten, ungefähr zehnminütigen Eröffnungsszene, die der Inszenierung eines tragischen Autounfalls so taktvoll begegnet wie ein Kinderfilm es nur tun kann.

Zugunsten der vorhersehbaren Erzählmechanik mit allen ihren generischen Abläufen und Figuren verschenkt Pete’s Dragon dieses Potential, aber einen formidablen, schönen Film darf sich das Endergebnis dennoch nennen. Denn Regisseur David Lowery inszeniert mit ruhiger, bedachter Hand, findet immer wieder magische Kinobilder von erstaunlicher Größe (in der Pressevorführung glücklicherweise in sauberem 2D) und trifft in jeder der angenehm kurzen 102 Minuten perfekt den Ton – ähnlich wie Steven Spielbergs The BFG ist Pete’s Dragon ein Film, der nie einen Grund sucht (und auch keinen findet), sich für seine Identität als Kinderfilm zu schämen.

Ich würde lügen, gäbe ich nicht zu, dass ich Pete’s Dragon gerne viele seiner Schwächen verzeihe, da mich die letzte Viertelstunde so sehr bewegte, dass ich mir – um es ungeschönt auszudrücken – die Augen aus dem Kopf geweint habe. Es ist weniger des Filmes Verdienst als mein eigener, der von Emotionen zwischen Mensch und Tier immer leicht zu manipulieren ist, und ähnlich wie Drache Toothless aus den How To Train Your Dragon-Filmen die Charakterzüge von Hund und Katze vereinte, um die Herzen der Zuschauer zu erobern, ist Drache Elliot nichts weiter als ein übergrößer, grüner Hund, der Feuer speien kann – und nichts zwischen sich und sein Herrchen kommen lässt.

Ich habe diesen Film trotz all seiner großen, offensichtlichen Schwächen wohl geliebt – so sehr, dass mich noch nicht einmal das kitschige Schlussbild aus dem Zustand der Glückseligkeit reißen wollte (geschweige denn den Tränenfluss gestoppt hat). Dieses Gefühl der vollkommenen Irrationalität, das mich dazu verleitet, diesem Film mein Herz zu schenken, obwohl er eigentlich nur sehr durchschnittlich ist, hat etwas unwahrscheinliches Schönes, weil es anscheinend beweist, dass der Kontrollverlust über die eigenen Gefühle nichts Schlimmes sein muss und manchmal das Herz auch noch über das Hirn gewinnen kann. Elternteilen sei der der Kinobesuch mit ihren Kindern in diese warme, ergreifende Geschichte nur empfohlen.

Kinostart 25.08.2016

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