Captain Marvel (2019)

Es war faszinierend zuzuschauen, wie Captain Marvel – schon Wochen vor seinem offiziellen Kinostart – die Zuschauer polarisierte. Für die einen blieb er inhaltsleer und flach, für die anderen stellte er ein Bollwerk gegen ein Jahrhundert patriarchaler Superheldenstories dar. Aber muss das unbedingt ein Widerspruch sein? Der neue Marvel-Film von Anna Boden und Ryan Fleck hat nicht viel, womit er sich vergleichen lässt; außer Patty Jenkins‘ Wonder Woman der Comickonkurrenz DC sieht es auf dem Gebiet weiblicher Superheldenfilme bislang beeindruckend mau aus. Und während Wonder Woman aus irgendeinem Grund vielfach als der feministische Durchbruch im Supherheldengenre gefeiert wurde, wird Captain Marvel bislang vor allem viel rumgemeckert. Das mag alles seine Berechtigung haben – die Charakterentwicklung der Hauptfigur Carol Denvers alias Vers besticht nicht gerade durch Innovation, und auch das world building haut nicht zwangsläufig vom Hocker.

Aber mal ganz ehrlich: Seit wann verlangt bitte irgendjemand von Superheldenfilmen, dass sie intelligent und abwechslungsreich geschrieben sind? Und während Gal Gadot als Wonder Woman den größten Teil ihres Films rehäugig durch die Gegend lief und immer wieder von ihrem (männlichen) Love-Interest auf den richtigen Pfad gebracht werden musste, ist Carol Denvers vor allem eins: autonom. Dabei zeigt sie einen Biss und Humor, der bisher ebenfalls männlichen Helden vorbehalten war. Wenn ihre Angreifer sie anbrüllen, brüllt sie ironisch zurück; wenn sie eine absurde Menge an Raketen in einem Flug zerballert, tut sie dies genießerisch jauchzend – kurz: Sie spielt mit ihrer gewichtigen Rolle und nimmt sich nicht so wahnsinnig ernst. Gerade dadurch wirkt sie um einiges reflektierter und gelassener als ihre bierernste Kollegin Wonder Woman.

Vorbeigehen teilt der Film so viele kleine Spitzen gegen Männer aus, dass man sich zwischendurch schon wundert, wieso Jude Law und Co. sich dem aussetzen. Da ist die Szene, in der ein Motorradfahrer Carol das obligatorische „Lächel doch mal!“ reinwürgt – in der nächsten Szene hat Danvers auf einmal ein Motorrad. Da ist die Szene, in der Samuel L. Jacksons Figur vom Gefahrenradar der Kree den Stempel „Bedrohung: Gering bis gar keine“ aufgedrückt bekommt. Dazu kommt, dass sich bei Captain Marvel die Frauenfiguren nicht (wie bei Wonder Woman) auf Protagonistin, skurrile, mollige Nebenrolle und Bösewichtin beschränken. Stattdessen gibt es hier so viele handlungsrelevante Frauenfiguren (und sogar eine mögliche, wenn auch unausgesprochene, lesbische Liebesgeschichte), dass die Grenzen zwischen den Geschlechtern irgendwann einfach irrelevant werden.

Captain Marvel zeigt vor allem eins: Dass man spaßige, flache Actionfilme drehen kann, ohne dabei an sexistischen Rollenklischees festzuhängen. Der Film unterhält nicht mehr oder weniger als jeder beliebige andere Marvelfilm – mit dem großen Unterschied, dass man sich währenddessen nicht über dumme, inkompetente und nervige Frauenfiguren ärgern muss.

Kinostart: 07.03.2019

Beitragsbild: © Marvel / Walt Disney Pictures

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