Blair Witch (2016)

Sofern man den mittlerweile in Vergessenheit geratenen Book of Shadows außer Acht lässt, sind ganze siebzehn Jahre vergangen, seitdem die Blair Witch zuletzt durch die Kinosäle spukte – und sich mitsamt dem brillanten Marketing-Coup des Films zum Instant-Kulturphänomen aufschwang. Durch die körnigen, wackeligen Dokumentarbilder und das Aussparen großer Knalleffekte erzeugten die Regisseure Daniel Myrick und Eduardo Sánchez einen Grusel so subtil und gleichzeitig doch so nervenzerfetzend, dass es seitdem kaum einen Horrorfilm gegeben hat, der besser unter Beweis stellt, wie viel gruseliger die Dinge sind, die wir eben nicht sehen.

Und auch beinahe zwei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung hat The Blair Witch Project nichts eingebüßt von seinem einschnürenden, krauchenden Horror, der einem spätestens immer wieder dann das Herz in die Hose rutschen lässt, wenn die Protagonisten inmitten des Gruselwäldchens ein verwittertes Haus entdecken. Adam Wingard, einer der Hoffnungsträger am Himmel des Independent-Horrorkinos, wagt sich nun an eine direkte Fortsetzung und erzählt wie sich James, Bruder von The-Blair-Witch-Project-Protagonistin Heather, in ebenjenen Wald aufmacht um seine einst verschollene Schwester aufzuspüren.

Das lässt zuallererst natürlich eins befürchten: einen Aufguss des Originals. Der wiederkehrende Trend, Fortsetzungen zu berühmten Filmen oder Franchises zu Neuauflagen umzudeuten, findet bei Fans großen Anklang – denn schließlich, so heißt es immer wieder, würden diese Fortsetzungen verstehen, was das Original so gut gemacht hat. Selbstverständlich ist das Unsinn, aber das Wiederverwenden einer bewährten Formel spricht dabei nicht zwangsläufig von Einfalls- als viel eher von Mutlosigkeit: Wie garstig sich eine Fangemeinde gegen ihr eigenes Fandom wenden kann, haben kürzlich erst die vier neuen Ghostbusters am eigenen Leib erfahren müssen – nicht aber die Boxer und Jedi-Ritter, deren  Neuauflagen ihren Fans keine Wagnisse zumuteten.

The Blair Witch Project schickte drei unerfahrene Teenager mit Kamera- und Camping-Equipment in einen Wald und ließ sie improvisieren. Kein Drehbuch, nur knappe Regieanweisungen über Walkie-Talkie. Dazu ein waghalsiger PR-Stunt: Internetseiten und Zeitungsartikel, die vom Verschwinden der Jugendlichen berichteten. Dass Wingard einen derart allumfassenden Coup so viele Jahre später nicht wiederholen kann, scheint sich der leider nicht vollends bewusst zu sein. Wenn sein Sequel mit Texttafeln eröffnet wird, die bedeutungsschwanger von gefundenem Videomaterial berichten, wirkt das nicht nur reichlich müde, sondern sogar dezent komisch.

Es fühlt sich unfair an, Blair Witch zu unterstellen er hänge zu sklavisch an seinem Original, da das Konzept des Originals eben wenig Neues für eine Fortsetzung herzugeben scheint – aber in seiner ersten Hälfte bewegt sich der Film schlicht zu nah an einem Remake seines großen Vorbilds. Die einzigen Neuerungen gegenüber dem sind mehr Technik (eine Drohne, mehrere hochauflösende Kameras) und eine ganze Handvoll fauler, fruchtloser Jump-Scares, für die Wingard eigentlich viel zu gut ist.

Man stellt sich bereits die Frage, wozu wir einen weiteren Ausflug in den Black Hills Forest überhaupt benötigen, wenn selbst einem vielversprechenden Regisseur wie Wingard weniger einfällt als den vielen Fans, die die Ereignisse des ersten Films unzählige Male auseinander genommen und neu ausgelegt haben. Was genau hat es mit dem Haus auf sich? Wer oder was ist die Blair Witch? Ist sie nur ein Mythos, ein körperloses Wesen oder eine gackernde Hexe mit Spitzhut und Besenstiel? Jeder, der The Blair Witch Project gesehen hat, wird eine eigene Antwort darauf haben – genau wie Wingard.

Vor dem Schlussviertel hätte ich Blair Witch als einen nicht unbedingt schlechten, aber doch sehr uninteressanten Film eingeschätzt – eben als einen, der glaubt zu verstehen, was das Original so gut gemacht hat, dabei aber peinlichst genau darauf bedacht ist, keinem Fan, der sich im Laufe der Jahre an einer eigenen Interpretation der Ereignisse versucht hat, auf den Schlips zu treten. Eben ein Film, der frische Impulse und Ideen scheut. In seinem Finale aber findet der Film plötzlich seine eigene Stimme und damit wird er sein Publikum radikal spalten: Wingard erweitert den Blair-Witch-Mythos, in dem er ihn vertrasht.

Nicht aber durch ätzende Ironie, sondern indem er sich von dem subtilen Horror, der vermutlich größten Stärke des Originals, löst und mehrere Gänge hochschaltet. Genau wie jeder, der das Original gesehen hat, hat Wingard seine eigene Vision der Geschehnisse, seine eigene Vision des Waldes und der Blair Witch selbst und in diesem Finale spielt die Welt des Films nur noch seinen Regeln. Wingards Hexe ist, so viel sei verraten, sehr viel offensiver und wütender als es noch die Version war, die nachts behutsam Steine vor den Zelten ihrer Opfer anhäufte. Er entfesselt ebenjene nervenzerfetzende Panik, die einst dem Original gelang – und inszeniert einen unheimlich effektiven Budenzauber vor albtraumhafter Gewitterkulisse.

Dieses Finale hat mich deswegen so begeistert, weil es keine Rücksicht auf Fans und in gewisser Weise auch nicht auf das Original nimmt. Wingard versucht nicht weiterhin das Original zu imitieren, er findet neue (manche würden sagen: zeitgemäßere) Wege, um dem Teenager-Trip Stärken abzugewinnen. Er gibt zum Teil deutliche Antworten auf die im Original aufgeworfenen Fragen, was Jahre an spekulativen Diskussionen einreißt – und Forderungen an sein Publikum stellt, anstatt es nur furchtsam zu umgarnen.

Diese Entmystifizierung des Originals liegt aber nicht einer Erklärwut zugrunde, sondern ist unabdingbar, um im gleichen Atemzug neue, spannende Fragen für die Zukunft zu stellen – Fragen, die für weitere siebzehn Jahre an Diskussionsstoff sorgen könnten, wenn der Film bei Fans Anklang finden würde. Dies ist The Blair Witch Project für eine neue Generation und am Ende wagt er tatsächlich die notwendigen Schritte, um sich nicht bloß als eine Aufbereitung des Originals zu verstehen. Weil er begreift, dass eine Erfolgsformel manchmal nicht imitiert, sondern variiert werden muss – wenn nicht sogar ganz aufgebrochen. Zu schade, dass ihm das aber erst in den letzten fünfzehn Minuten einfällt.

Kinostart: 06.10.2016

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