Avengers: Endgame (2019)

Am Ende des ersten Avengers-Films sprach S.H.I.E.L.D.-Direktor Nick Fury von einem gegebenen Versprechen: der Triumph der frischgebackenen Rächer-Initiative über die von Loki angeführte Chitauri-Armee markierte nicht nur ihre Geburtsstunde, sondern auch den ersten – noch unbewussten – Widerstand gegen Titan Thanos, der in den Marvel-Comicbüchern als größte Bedrohung der Helden gilt. Dieses Versprechen, unsere Welt fortan gegen Angriffe aller Art zu verteidigen, wird in Avengers: Endgame wieder in den Fokus gerückt, nachdem es mit der Ankunft von Thanos in Infinity War auf seine bisher größte Probe gestellt wurde – ein zehrender, verlustreicher Kampf und am Ende schließlich ein schicksalhaftes Fingerschnipsen; ein stiller Todeshauch, der die Hälfte der Avengers und mit ihnen ihr Versprechen in Staub auflöste und davontrug. Der Kampf schien verloren, ihr Eid gebrochen. Thanos will return.

Avengers: Endgame erzählt vom Versuch der verbleibenden Helden, das Geschehene wieder ungeschehen zu machen. Angetrieben von Verlust und Verzweiflung wird der Kampf erneut aufgenommen, dieses Mal in noch gewaltigerem, noch verrückterem Ausmaß. Der 181 Minuten lange Vorhangfall für die Geschichte, die mit Jon Favreaus Iron Man vor elf Jahren ihren Anfang nahm, wird damit seinerseits zum Film erdrückender Größendimensionen. Christopher Markus und Stephen McFeely schließen mit ihrem Drehbuch nicht nur an Infinity War, sondern gewissermaßen an jeden einzelnen der 21 Filme des Marvel Cinematic Universe an. Das serielle Format von Franchise-Kino erhält hier seine endgültige Radikalisierung: Das (erste) große Finale der Marvel-Helden ist mehr Staffelfinale als Kinofilm. Demnach stehen die Menschen hinter der Kamera, ihren Helden gleich, vor gegebenen Versprechen, die nun eingelöst werden müssen.

Die denkwürdig(st)en Momente des Films gelingen gleich zu Beginn, bevor das Getöse seinen Lauf nimmt. Ähnlich wie sein Vorgänger ist Avengers: Endgame ein relativ zielgerichteter Plot-Film, seine unverschämte Laufzeit gesteht ihm gerade im ersten Drittel aber unbedingt notwendige Atempausen zu. Markus, McFeely und die Gebrüder Russo haben spürbar große Freude daran, ihre in der Galaxis verstreuten Helden aufzuspüren und im Schatten der schrecklichen Ereignisse wieder zusammenzubringen. Die Schicksale der Figuren werden im jeweiligen Kontext ihres Verlusts interessant weitergedacht und der tonal brenzlige Drahtseilakt zwischen kalter, auswegloser Schwere und absurder Komik funktioniert. Ein emotionaler Paukenschlag gelingt dann ausgerechnet mit dem ersten Auftritt von Paul Rudd, der die Leichtigkeit seiner beiden Ant-Man-Abenteuer mit einer herzzerreißenden Sequenz vergessen lässt.

Ist das Team versammelt und der Schlachtplan geschmiedet, gibt sich der Film sogleich einem atemlosen Tempo hin, das für Momente des Innehaltens kaum noch Platz lässt. Der zweite Akt nimmt seinen Lauf, und mit ihm ein gehetztes Schaulaufen unzähliger (Neben-)Figuren. Zuweilen sympathisch, aber auch etwas zu angestrengt auf die eigene Verkultung schielend, lädt der Film hier zum verspielten Selbstbezug und lässt seine Figuren das eigene Franchise infiltrieren. Im Rahmen des Marvel Cinematic Universe öffnen sich einmal mehr neue Türen zum irrwitzigen Comic-Wahnsinn. Dieser entspringt aber nicht einer Ausgelassenheit ob der unbegrenzten Anzahl an Möglichkeiten, sondern steht stets nur im Dienst umständlicher Plot-Verzweigungen. Avengers: Endgame ist genau das, was er sein möchte – der ultimative Film für die Fans – aber an seinem eigenen Einfallsreichtum scheint er selten Spaß zu haben.

Im üppig mit Pathos angereicherten, von den Russo-Brüdern leider gewohnt unvorteilhaft bebilderten Showdown sehen sich gleich zwei zentrale Figuren der Reihe mit ihren eigenen Versprechen konfrontiert. Auch wenn Markus und McFeely hier nur das realisieren, was sich folgerichtig (soll heißen: den Erwartungen der Fans entsprechend) aus den vorigen Filmen ergibt, gelingt es in beiden Fällen, einen zufriedenstellenden, emotional durchaus logischen Bogen zu spannen, der hinter die Geschichte beider Figuren eine finale Klammer setzt. Auch thematisch findet die Reihe, trotz ihrer überfordernden Fülle an Figuren und erzählerischen Nebenschauplätzen, so zu sich selbst zurück. Ein Versprechen wird mit Blut besiegelt, inmitten von Ascheregen und verbrannter Erde, damit ganz zum Schluss die verloren geglaubte Liebe triumphieren darf. Irgendwie dann doch ganz schön.

Die Freude darüber, dass der Film bis in sein Schlussbild hinein damit beschäftigt ist, die Geschichte zu beenden, anstatt wie gewohnt mindestens zwei neue zu beginnen (selbst die für Superheldenfilme mittlerweile üblichen Post-Credit-Szenen bleiben aus), sollte überwiegen, aber als in die Filme emotional nicht sonderlich investierter Zuschauer bleiben die großen Gefühle dann doch aus. Trotz Anflügen von Wahnsinn bleibt Avengers: Endgame ein befangener Film, eine ausufernde Komposition aus Funktionalität und Fanservice, ein rätselhaft routiniertes Erfüllen von Träumen, Wünschen und, letztendlich, Erwartungen. Da fällt das – vom Film übermäßig zelebrierte – Abschiednehmen dann auch nicht weiter schwer. Zumal der Abschied, so viel sollte mittlerweile klar sein, im Marvel Cinematic Universe immer nur von kurzer Dauer ist. The Avengers will return. Eventually.

Kinostart: 24.04.2019

Beitragsbild: © Marvel Studios

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