Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln (2016)

Anderthalb Jahrhunderte nach dem Erscheinen von Lewis Carrolls Wunderland-Erzählungen rätseln sowohl Kinder als auch Hochschulprofessoren noch immer, wie viel Sinn und Unsinn in den Abenteuern der kleinen Heorin Alice steckt. Eine Frage, die sich Tim Burton bei der Produktion seiner Alice im Wunderland-Adaption wohl gar nicht hat stellen dürfen, denn obwohl er für das bizarre Ausgangsmaterial wie geschaffen scheint, misslang der Film – zu eng saßen die kreativen Handschellen, die Walt Disney Pictures dem exzentrischen Kultregisseur anlegen ließ.

Die Fortsetzung Hinter den Spiegeln ist, wie Produzentin Suzanne Todd im Presseheft erklärt, „eine Ansammlung beliebiger und bizarrer Episoden aus Carrolls Leben, die eigentlich in keinem Zusammenhang zueinander stehen“. Und das ist genau so schrecklich, wie es sich anhört: Der von Drehbuchautorin Linda Woolverton ersonnene Plot und die Lektion über Familie und Zusammenhalt, in der er in seinen kitschigen Endminuten resultiert, sträuben sich so vehement gegen den sinnwidrigen und regellosen Charakter von Carrolls Erzählungen, dass letztendlich nichts weiter als eine hohle, fadenscheinige Adaption der gleichnamigen Romanvorlage ihren Weg auf die Leinwand findet. Regisseur James Bobin bildet unter dem strengen Dirigat der Disney-Produzenten nur Ideen ab, ohne für sie – und damit auch den Film – je die richtige Sprache zu finden.

Das Wunderland bleibt auch hier trotz aller bunten Farben und Computertricks ein erschreckend kalter, fantasieloser Ort, der seinen Irr- und Wahnsinn stets nur behauptet. Das Gegenteil ist sogar der Fall: Sehr viel braver könnte dieser Leinwandentwurf von Carrolls Welten gar nicht ausfallen. Das war bereits im Vorgänger der Fall, aber immerhin fand Burton in ein paar Momenten kurzzeitig zu sich selbst, etwa wenn er Alice in einer Sequenz einen Fluss voller abgeschlagener Köpfe überqueren ließ. Einen solchen Moment gibt es in Hinter den Spiegeln nicht, da Bobin im Gegensatz zu Burton weder Mut noch eine besonders markante Handschrift hat. Seine Fortsetung ist komplett frei von Wagnissen oder düsterem Gedankengut.

Und wer es schafft, sich genügend von der literarischen Vorlage zu lösen – wird der diesem Produzentenplankino, das nur aus Effektzauber und Slapstick besteht, etwas abgewinnen können? Kinder zumindest sollten Spaß haben an Grimassen und Augenbrauengewackel des verrückten Hutmachers (den Johnny Depp dieses Mal ganz besonders ulkig gibt!) und wenn man Woolverton eines anrechnen muss, dann dass ihre Alice genau die coole, willensstarke Blockbuster-Heldin ist, die viele kleine Mädchen brauchen – und leider nicht allzu oft zu sehen bekommen.

Curiouser and curiouser, würde Alice sagen – denn es ist nahezu erstaunlich, wie viel dieser Film mit all seinen ausladenden Bilderwelten und prominenten Gesichtern bzw. Stimmen zu bieten hat und mit wie wenig Leben er letztendlich erfüllt ist. Sechs Jahre sind seit dem ersten Teil vergangen, aber geändert hat sich im Grunde gar nichts. Noch immer ist dies vorrangig ein digitales Spektakel, das weder Herz noch Seele hat und den Geist seiner Vorlage beinahe vollständig vermissen lässt. Da erscheint es plötzlich vollkommen logisch, dass in beiden Filmen stets vom Unter- und nicht vom Wunderland die Rede ist.

Kinostart: 26.05.2016

Beitragsbild: © Walt Disney

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