31 (2016)

31 ist der publikumsfeindlichste Film des Jahres: Mit einer aufrichtigen Freude an Geschmacksentgleisungen befeuert Rob Zombie sein Publikum mit Widerwärtigkeiten und wagt sich mit jeder neuen tödlichen Herausforderung, der seine ennuyanten Figuren ausgesetzt werden, einen Schritt tiefer in den sabbrigen Schlund der Slasher-Hölle: es gibt Kleinwüchsige in SS-Uniform, mit Kettensägen ausgerüstete Clownszwillinge und eine ganz eigene Interpretation des Geschwisterpärchens Hänsel und Gretel zu bezwingen. Brustkörbe werden zu Matsch zerstochen, lebendige Sexdolls bei lebendigem Leibe ausgeweidet und der Hänsel-Hüne speit in Hochdeutsch die übelsten Flüche durch die nassen, rostigen Korridore, in denen die Figuren ihre ganz eigene Slasher-Version der Hunger Games ausfechten müssen – während die „Spielemacher“ in dekadenten Kostümen natürlich alles über Computerbildschirme verfolgen und bei einem Tässchen Tee darüber parlieren, wer wohl die höchsten Chancen auf Überleben hat.

Mit galliger Gesellschaftssatire hält Zombie sich dabei trotz Andeutungen gen Ende zurück und montiert stattdessen lieber freudig Versatzstücke seiner großen Genre-Vorbilder. Beim Ausreizen der zahlreichen Extremsituationen ist auch die Qualität von 31 enorm wankelmütig: langweilt der Beginn noch mit übel inszeniertem Redneck- und Slasher-Gekröse, entwickelt der Film spätestens mit dem Auftritt der Gebrüder-Grimm-Interpreten eine absurde Komik, der man sich als Zuschauer – wie auch allem anderen in dieser Höllenfahrt – stellen muss. Zumindest ein Ass hat Zombie im Ärmel: Richard Brake ist die einzige qualitative Konstante des Films und rahmt diesen glücklicherweise mit der brillanten Eröffnungs- und Endszene ein. Sein Endgegner, Doomhead, ist ein grausiger, nach Blut lechzender Psychopath, der sich zu F.W. Murnaus Stummfilm-Klassiker Nosferatunicht nur die Seele aus dem Leib fickt, sondern sich auch in der Todesarena nach seinem hageren Vorbild modelt. Eine urgewaltige und dennoch schleichende Bedrohung, und die Figur, in der sich der ganze Wahnsinn diesen Weltentwurfs in all seiner schnoddrigen und geifernden Blutlust manifestiert. Bei der erbärmlichen Konkurrenz mag es ein wertloses Kompliment sein, aber Brake ist damit nicht nur das schwarze, vergiftete Herz des Films, sondern auch der beste Joker des Jahres.

31 kommt einem Frontalangriff auf den guten Geschmack gleich. Wer hinschaut, der ist anscheinend abgehärtet genug, um an diesem blutrünstigen Kabinett der Kuriositäten Gefallen zu finden. Wer wegschaut, hat verloren.

Kinostart: 27.10.2016

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